Kubistisch und archaisch

Zu den etwas außerhalb der Touristenrouten der Stadt gelegenen, aber dennoch äußerst sehenswerten Meisterwerken des Kubismus in Prag gehört das genossenschaftliche Wohnhaus in der Kamenická ulice 811/35 im Stadttteil Holešovice (Prag 7).

Es wurde in den Jahren 1923 bis 1924 von dem Architekten Otakar Novotný, einem Schúler des bekannten frühfunktionalistischen Architekten Jan Kotěra (früherer Beitrag hier), erbaut. Novotný ist den meisten Kubismus-Kennern eher als der Erbauer der ungleich berühmteren Häuser der Lehrergenossenschaft (Učitelské domy) in der Altstadt (früherer Beitrag hier) aus den Jahren 1919-21 bekannt. Zwischen beiden doch recht kurz hintereinander fertiggestellten Bauwerken kann man besonders schön eine Weiterentwicklung innerhalb der Stilrichtung des Kubismus verfolgen.

Die Lehrerhäuser waren noch ein Dokument der „reinen Lehre“ des Kubismus und stellten mit ihrer Betonung rein geometrischer und kristallförmiger Formelemente die vorhgerige historistische Orthodoxie (Neorenaissance, Klassizismus etc.) zugunsten von moderner Funktionalität in Frage. 1919-21 war dieser Stil, der typisch für die Zeit kurz vor dem Ersten Weltkrieg war (Beispiel hier), eigentlich schon ein wenig aus der Mode gekommen.

Das Haus in der Kamenická hingegen repräsentiert eine Neuformulierung der kubistischen Ästhetik. Der Kubismus war so etwas wie die Nationalarchitektur der Tschechen und repräsentierte die Modernität Böhmens gegenüber dem Habsburgerreich. Nach der Unabhängig musste man aber auch eine historische Perspektive aufnehmen. Das Resultat war der sogenannte Rondokubismus, der die geometrischen Formen des Kubismus zur Darstellung folkloristischer und historischer Anspielungen verwendete (Beispiel hier). Mit dem Wohnhaus war Novotný, der 1921 noch ein wenig stilistisch der Mode hinterherhinkte, nun einer der ersten Architekten, die auf den Rondokubismus setzten.

Entsprechend ist der erste Eindruck, den man von dem sechstöckigen Haus bekommt, der einer wuchtigen klassischen Fassaden-Struktur mit großen Säulen. Erst bei genauerem Hinsehen bemerkt man, das es sich um kurze, oben abgerundete Zylinder handelt, die sich abgeschirmt in Nischen mit Bögen zwischen den Fenstern der ersten drei Stockwerke befinden. Je nachdem, wie man sie betrachtet, können sie im Zusammenhang mit den beiden Fenstern neben jeder Säule den ersten optischen Eindruck eines im Mittelteil blinden venezianischen Fensters.

Die anders gefärbte Säulenfront im Erdgeschoss unterstreicht die Botschaft des Hauses. Vage an altägyptische Säulen erinnernd, aber dennoch eben nur ein kubistisches Spiel mit geometrischen Formen, verleiht sie dem Gebäude einen geradezu archaischen und vormodernen Charakter – eigentlich das Gegenteil dessen, was der Kubismus in seiner Frühphase bewirken wollte. (DD)

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