Heilige und Patriotismus

Der Veitsdom (Katedrála sv. Víta ) hoch oben auf der Burg ist eine wahre Schatzkammer. Selbst unter den unendlich vielen Sehenswürdigkeiten der Spitzenklasse ragt dabei das berühmte von Alphonse Mucha (siehe auch hier) entworfene Kirchenfenster auf der Nordseite des Schiffs heraus.

Mucha war der „Popstar“ unter den vielen bedeutenden Künstlern des Jugendstils in Prag möglicherweise sogar der bekannteste Künstler der Tschechen überhaupt. Zudem war er ein politischer Mensch, der als tschechischer Patriot von einem unabhängigeren und demokratischeren Böhmen träumte. Er unterstützte die liberale Politik der Ersten Republik unter Präsident Tomáš Garrigue Masaryk von Herzen – weshalb ihn übrigens die Nazis nach ihrem Einmarsch 1939 kurz vor seinem Tod im selben Jahr internierten.

Als er 1928 mit dem ersten Entwurf für das große Kirchenfenster der Kathedrale begann, war klar, dass er religiöse mit patriotischen politischen Themen verbinden würde. Das ist bei dem im Fenster nun realisierten Entwurf von 1930 überdeutlich ersichtlich. Muchas politische Ideenwelt kreiste um einen durchaus westlich-demokratisch gebundenen (nicht-russophilen) Panslawismus, der sich mit einer deutlichen Prise tschechischen Nationalismus liberaler Prägung verband.

Um dies durch das Spektrum des religiösen (immerhin handelt es sich ja um ein Kirchenfenster) sichtbar zu machen, verbindet Mucha auf dem Fenster zwei ineinander verwobene historische Motive, die sich um Heiligenviten und das politische Erwachen slawisch-tschechischer Identität: Der Aufstieg der christianisierten Dynastie der Přemysliden und das Wirken der beiden Heiligen Kyrill und Method, den „Slawenaposteln“ die dereinst im 9. Jahrhundert die Slawen in Südost- und Mitteleuropa christlich missioniert hatten (früherer Beitrag u.a. hier).

Dabei stellt die kombinierte Szene in der Mitte des Fensters (siehe großes Bild oben) den Aspekt der Identitätsbildung der Herrscherdynastie der Přemysliden, die im 9. Jahrhundert dabei war, den böhmischen Staat auf christlicher Grundlage zu formieren. Im Hintergrund sieht man den böhmischen Herrscher Bořivoj I., der gerade als erster des Geschlechts von besagten Kyrill und Method getauft wird und somit di Geschichte des christlichen Böhmens einleitet. Davor sieht man – historisch gesehen nur wenige Jahrzehnte später – die Heiligen Ludmilla, eine aus dem selben Geschlecht stammende böhmische Nationalheilige, die ihren Enkel Václav, sprich: den späteren Heilige Wenzel, aufzieht. Den sieht man hier als betendes Kleinkind bereits mit visionärem (und etwas süßlich dargestelltem) Blick, die große Zukunft Böhmens erahnend. Das ist tschechische Nationalmythologie pur!

Die kleineren Bilder rechts und links von diesen großen Zentralmotiv stellen Episoden aus dem Leben der beiden Heiligen Kyrill und Method (die übrigens nicht Böhmen, sondern nur Mähren missionierten. Bořivoj I. (der erste wirklich historisch nachweisbare Přemyslidenherrscher) wurde nämlich um das Jahr 883 im mährischen Velehrad getauft. Auf der rechten Seite des Fensters sieht man die Vita des Heiligen Method, der 867 vom Papst zum Bischof geweiht worden war. Man erkennt ihn deshalb an der Mitra auf seinem Haupt. Das Bild Bild oberhalb links zeigt seinen Tod 885 im mährischen Velehrad.

Links wiederum sieht man das Leben und Wirken des Heiligen Kyrill, dem die Welt unter anderem das nach ihm benannte kyrillische Alphabet verdankt. Er übersetzte unter anderem die Bibel ins Kirchenslawische, das für die weit umfassende Missionstätigkeit der beiden Heiligen unerlässlich war. Das Bild links zeigt Kyrill, der 869 in Rom starb, bei der Übersetzungsarbeit.

Direkt unter dem zentralen Bild kommt ein rein säkularer Aspekt zum Tragen, nämlich zwei weibliche Allegorien, die die Slavia und die Bohemia darstellen sollen. Die Slavia als panslawistisches Symbol wird mit einem Blätterkranz abgebildet und hält einen Kreis in der Hand, der für die Einheit der slawischen Völker steht. Darunter die Bohemia, die eine Art Szepter als Verkörperung der neuen Staatlichkeit der Tschechen seit 1918. Mucha hatte schon zuvor die Slavia (hier) und die Bohemia (hier) mit ähnlichen Attributen dargestellt, die nicht unbedingt der christlichen Ikonographie entspringen.

Die wiederum steht ganz oben, in einem sternförmigen kleinen Fenster im Mittelpunkt, in dem Christus der ganzen Szenerie seinen Segen gibt.

Mucha wählte übrigens für sein Fenster nicht die im Mittelalter (und daher bei fast allen anderen Fenstern im Veitsdom) übliche Bleiglastechnik, bei der einzelne, meist monochrome Glasstücke miteinander mit Blei verlötet werden. Die großflächigere Glasmalerei Muchas erhöht den Licht- und Farbeffekt dramatisch. (DD)

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