Als Prag beinahe preußisch geworden wäre

Prag – man mag es sich gar nicht ausmalen! – wäre dereinst beinahe preußisch geworden. Die Stadt wurde zu einem der Brennpunkte des Siebenjährigen Krieges, der von 1756 bis 1763 tobte, und den vor allem Preußen unter Friedrich II. und das Habsburgerreich unter  Maria Theresia um das nördlich von Böhmen befindliche Schlesien führten.

Im Frühjahr 1757 fielen die preußischen Truppen in Böhmen ein und marschierten mit rund 64.000 Soldaten auf Prag zu – die Schlacht nahm ihren Anfang. In der Nähe von Štěrboholy begann am 6. Mai 1757 der eigentliche Angriff, der aber durch extrem sumpfiges Terrain um den Fluss Rokytka (kleines Bild oben links) ins Stocken geriet. Nachdem alleine auf preußischer Seite fünf Generäle gefallen waren, sah es fast aus, als ob die rund 60.000 österreichischen Truppen den Angriff hätten abwehren können. Doch am Nachmittag gelang den Preußen in einer zweiten Angriffswelle der Durchbruch bei Hostavice und Malešice. Die Österreicher wurden in die Stadt zurückgedrängt und der Belagerungsring um Prag schloss sich. Er wurde schließlich so eng, dass die preußische Artillerie fast nach Belieben in die Innenstadt feuern konnte. Altstadt und Burg erlitten schwere Schäden.

Die preußischen Truppen hatten den Sieg jedoch teuer bezahlen müssen und waren entscheidend geschwächt. Rund 12.500 Tote und Verwundete hatte man zu beklagen. Trotzdem wären sie wohl in der Lage gewesen, Prag nach einiger Zeit einzunehmen, was ein entsetzlicher Prestigeverlust für Maria Theresia gewesen wäre und den Krieg möglicherweise entschieden hätte. Der überraschende und überwältigende Sieg der Österreicher in der  Schlacht von Kolín am 18. Juni 1757 machte es für Friedrich II. jedoch notwendig, die Truppen abzuziehen, um seine Haut andernorts zu retten. Prag wurde nicht erobert und es blieb der Stadt das Schicksal erspart, Preußen anheimzufallen.

Die deutsche Geschichte spricht meist von der Schlacht um Prag, während die Tschechen sie die Schlacht bei Štěrboholy (Bitva u Štěrbohol) nennen. In gewisser Weise ist die deutsche Bezeichnung akurater, da Štěrboholy nicht unbedingt der wichtigste Teil des Schauplatzes war und es sich ja um eine ausgreifende Einkreisungsschlacht handelte, die sich über ein viel weiter gefasstes Areal erstreckte. Das kann man auch bei Wanderungen in der weiteren Umgebung sehen, wo Lehrtafeln an einzelne Abschnitte des Schlachtgeschehens erinnern. Links sieht man eine Tafel in der Nähe von Hloubětín (Prag 9), das ca. 4 Kilometer von Štěrboholy entfernt liegt. Die Flusslandschaft um die Tafel herum erinnert immer noch ein wenig daran, dass man sich damals durch große Sumpfgebiete kämpfen musste, die heute aber einigermaßen trockengelegt sind.

Trotzdem wurde hier in Štěrboholy, einem etwas verschlafenen nordwestlichen Vorort Prags (Prag 10), im Mai 2007 – dem 250. Jahrestag der Schlacht – in einem kleinen Park an der Straße U radiály ein Denkmal eingeweiht, das an die Ereignisse erinnert. Der Grund war wohl weniger, dass der Ort der strategisch wichtigste der Schlacht war, sondern dass er schon zuvor ein Erinnerungsort war, den die Tschechen lange lieber vergessen wollten. Auf dem kleinen Park, der sich um das Denkmal herum befindet, befand sich dereinst der Soldatenfriedhof für die gefallenen preußischen Soldaten. Die Schlacht um Prag umgab bald ein patriotischer Mythos. Der Dichter Gottfried August Bürger erwähnt sie in seinem berühmten schauerromantischen Gedicht Lenore (1778) – „Er war mit König Friedrichs Macht/Gezogen in die Prager Schlacht.“ Der Friedhof gehörte Dank eines Abkommens dem preußischen Staat und wurde stets von einem preußischen Kriegsinvaliden betreut. Zunächst wurden einige kleine Denkmäler errichtet, dann 1839 auf Geheiß Friedrich Wilhelms III. ein großes aus Marmor und Gusseisen. Andere Monumente folgten. Als 1905 die kleinen Militärfriedhöfe in Prag (beispiel hier) aufgelöst wurden, wurden auch die Überreste preußischer Soldaten der Kriege von 1813 (auf Seiten Österreichs) und 1866 (gegen Österreich) bestattet und Monumente errichtet. Der Friedhof war nun recht stattlich dimensioniert. Zu den Besuchern der Anlage, die dadurch zu einer kleinen Preußen-Wallfahrtsstätte wurde, gehörte unter anderem Paul von Hindenburg.

Das alles hätte die Empfindlichkeiten der Tschechen noch nicht gestört, hätten nicht die Nazis nach der Besetzung des sogenannten „Protektorats Böhmen und Mähren“ 1939 den Friedhof geschichtspolitisch instrumentalisiert. Das Eingangstor des in „Standorf-Friedhof“ umbenannten Friedhofs wurde mit einem großen Hakenkreuz „verziert“. Ende des Krieges wurde die Anlage zur Begräbnisstätte für Angehörige der Waffen-SS. Das war dann doch zuviel des Schlechten. Als die Nazis 1945 vertrieben waren, wurden Friedhof und Denkmäler dem Erdboden gleichgemacht.

Als 2007 der Jahrestag kam und das neue Denkmal (ohne sichtbare Überreste des alten Friedhof drumherum) eingeweiht wurde, da war Geschichte wieder Geschichte, was ein unverkrampftes Verhältnis zu den Ereignissen erlaubte. Schließlich konnte man ja weder Maria Theresia, noch Friedrich II. (beide ja aufgeklärte Monarchen), noch die rund 25.000 Gefallenen der Schlacht für den politisch-historischen Missbrauch verantwortlich machen, den Hitler mit ihnen betrieb. Inzwischen führen Geschichtsvereine sogar Nachstellungen der Schlacht auf dem weiten Gelände auf und es gibt kleine Wanderwege mit Tafeln (eine davon direkt neben dem Denkmal, Bild oberhalb links), die über das blutige Geschehen am 6. Mai 1757 informieren.

Wie sehr sich dabei die Schöpfer des Denkmals der geschichtlichen Verantwortung bewusst waren, zeigt sich auch darin, dass hier nicht nur der preußischen Soldaten gedacht wird, die hier einst ihre letzte Ruhestätte fanden, sondern auch der österreichischen – was moderner und europäisch gedachter Denkmalskultur entspricht. „6.5.1757 – Zum Gedenken an die gefallenen österreichischen und preußischen Soldaten bei der Schlacht von Štěrboholy“, lautet die nüchterne, aber würdige Inschrift auf dem Denkmal in deutscher Übersetzung.

Die Nachfahren prominenter Gefallener nahmen den Faden auf. Und so wird, ganz gemäß Proporz, je einem preußischen und einem österreichsichen Heerführer, der hier sein Leben ließ, gedacht. 2008 wurde neben dem Hauptdenkmalstein eine Plakette zum Gedenken an den hier gefallenen preußischen Generalfeldmarschall Kurt Christoph Graf von Schwerin aufgestellt, im Jahr darauf folgte eine identisch gestaltete Plakette für den ebenfalls bei der Schlacht gefallenen österreichischen Marschall Maxmilian Baron von Brown und Graf von Mountany und Camus. Dass man beiden so gleichverteilt und vorurteilsfrei gedenkt, gibt Hoffnung für die Welt. (DD)

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