Ringhoffers Schlösschen

Wie sehr der Stadtteil Smíchov dereinst im 19. und 20. Jahrhundert von den Ringhoffer Werken geprägt wurde, war Gegenstand unseres letzten Beitrags. Die Waggonfabrik war einer der größten Arbeitgeber im ganzen Habsburgerreich und eine der Grundlagen für den Reichtum Prags zur Jahrhundertwende.

Aber eine Fabrik war in diesen Zeiten nicht nur eine Fabrik. Wie viele der recht paternalistisch eingestellten Industriellen der Zeit sorgte auch der Gründer des Industriekomplexes, Franz III. Freiherr von Ringhoffer, 1870 dafür, dass zum Fabrikgelände auch Arbeiterwohnungen (Arbeiterkolonie) gehörten. Und auch sein eigener Wohnort sollte möglichst nahe bei der Fabrik sein, damit er jederzeit nachschauen konnte, ob seine Leute auch anständig arbeiteten. Heutige Unternehmer würden sich wohl eher weiter entfernt im Grünen ansiedeln, nicht aber Ringhoffer.

Und so finden wir die Villa in der Kartouzská 20/7, in Prag 5 dort, wo früher (bis zur Einstellung der Waggonproduktion 1996) der Lärm der Industriearbeit unüberhörbar gewesen sein muss. Nun ja, und seit dem die meisten Fabrikhallen der 2001 eröffneten Shopping Mall Nový Smíchov zum Opfer fielen, wurde die Lage des Hauses nicht besser. Es ist heute eng bedrängt von modernen Büroblöcken und führt direkt neben einer lärmigen Hochstraße (Zubringer) ein wahres Schattendasein. Man muss sich den Blickwinkel für ein schönes Photo (wie oben im großen Bild) sorgfältig aussuchen, damit es nicht ein wenig arg grauselig ausschaut (wie im Bild oberhalb rechts).

Man kann sich kaum vorstellen, dass ein Industrieller, der etwas auf sich hält, hier noch wohnen möchte. Aber damals, als es erbaut wurde, war es sozuagen der­ni­er cri. Anstelle eines klassizistischen Gebäude, das um 1870 erbaut worden war, wurde auf Geheiß der Ehefrau des Besitzers, Freiin Franziska (genannt: Fanny) Elizabetha Karolina von Ringhoffer, geborene Freiin Klein von Wisenberg, im Jahre 1900 eine Villa erbaut, die fortan an als das Schlösschen der Baronin Ringhoffer (Zámeček Baronky Ringhofferové) in die Geschichte einging. Und wegen des hübschen Türmchens an der Nordseite sieht die Villa, die im Übrigen durchaus bescheiden und wohnlich dimensioniert ist, tatsächlich wie ein kleines Schloss aus.

Aber das ist nicht das Besondere daran. Es handelt sich nämlich um eines der allerersten Gebäude im Jugendstil, die überhaupt in gebaut wurden. Und entworfen wurde es von keinem geringeren als Osvald Polívka (über den wir u.a. hier, hier und hier berichteten), dem vermutlich bedeutendsten Architekten des Jugendstils in Prag. Typisch für die Frühphase des Jugendstils war die asymmetrische Struktur des Gebäudes, die immer noch besticht. Polívka wirkte wohl auch bei der Planung einiger der umgebenden Fabrikhallen mit, so dass zwischen Villa und Fabrik eine gewisse Stileinheit herrschte, die heute leider nicht mehr erkennbar ist.

Als die Ringhoffer Werke 1946 verstaatlicht wurden (unter anderem weil Hans, der Enkel von Franz III., sich unter den Nazis an jüdischem Eigentum bereichert hatte), begann der Niedergang des Schlösschens. Eine zeitlang existierte hier ein medizinisches Zentrum. Ansonsten vergfiel es langsam – so wie viele historische Denkmäler in den Zeiten des Kommunismus. In den Jahren 2005/06 wurde das inzwischen wieder privatisierte Gebäude grundlegend renoviert. Als Villa zum Wohnen für die Reichen und Schönen kann es aufgrund der lärmigen Lage wohl nicht mehr dienen, weshalb sich heute nur noch Büros darin befinden. Und als Arbeitsplatz kann man sich das Ganze schon gut vorstellen. (DD)

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