Ringhoffers Fabrikhalle (mit Gedenktafel)

Im 19. Jahrhundert wurde Böhmen das Kernland der Industriellen Revolution im Habsburgereich. Und Prag wurde einer der Motoren der Entwicklung. Mit kaum einem Namen verbindet man den Wirtschaftsaufschwung so sehr wie mit dem von Franz II. Ringhoffer.

Der transformierte die von seinem Großvater gegründete Kupferschmiede 1852 in eine große Maschinen- und Wagonbaufabrik um. Die Werkanlagen der Ringhoffer Werke befanden sich nun in Smíchov, wo riesige Produktionshallen entstanden. In den 1870er Jahren wurden hier bis zu 3500 Wagons pro Jahr gebaut. Über 2000 Arbeitern ermöglichte er hier den Broterwerb. 1861 wurde er gar zum Bürgermeister von Smíchov (das erst 1909 Stadtteil von Prag wurde) und 1864 in den Böhmischen Landtag gewählt. Als er 1873 starb, kam posthum noch der erbliche Adelstitel eines Freiherrn dazu.

Von dem profitierte sein Sohn Franz III. Freiherr von Ringhoffer, der die Firma in dem Moment erbte, als die große Wirtschaftskrise von 1873 ausbrach. Mit einer Kombination von Einsparungen und strategischer Expansion schaffte es die Firma unter ihm, am Ende sogar größer als vorher zu werden. Und unter ihm entstand auch die einzige sichtbare Erinnerung an die Industrieanlagen, die einst in Smíchov standen. Zunächst einmal ging alles gut. Franz IV. Freiherr von Ringhoffer wandelte die Firma 1909 in eine Aktiengesellschaft um; 1935 fusionierte man mit den Tatra Autowerken und hieß nun Ringhoffer-Tatra-Werke. Aber dann beging sein Nachfolger Hans Freiherr von Ringhoffer die Schandtat, sich die von den Nazis 1939 zwangsenteignete Agrarmaschinen-Firma Bächer, die jüdischen Besitzern gehört hatte, anzueignen. Seine Verhaftung (er starb 1946 in einem sowjetischen Lager) und die Verstaatlichung der Firma waren die Folge. Unter dem Namen Tatra produzierte man in Smichov unter dem Kommunismus noch Straßenbahnen – wie etwa den oben im großen Bild gezeigten Typ Tatra T3, der ab den 1960er Jahren gebaut wurde. Nach dem Ende des Kommunismus und der Privatisierung (heute als Teil von Siemens) wurde die Produktion aus Prag wegverlegt. Die Gegend, wo die Fabrikhallen standen, verkam langsam aber sicher.

In den Jahren 1999-2001 begann das Areal wieder aufzublühen, weil es zum Einkaufzentrum wurde. Die Shopping Mall Nový Smíchov (mit 4D-Kino und allem Drum und Dran) gehört zu den größten in ganz Tschechien. Fast alle Werkgebäude wurden dafür abgerissen. Immerhin ließ man ein Gebäude stehen und integrierte es in den neuen Shopping-Komplex als Modegeschäft. Es macht sich dabei ganz schmuck.

Diese überlebende Halle entstand um 1906, als Franz III. Freiherr von Ringhoffer noch die Firma führte. Man erkennt genau, dass damals der Jugendstil dominierender Modetrend in der Architektur war. Möglicherweise wurde das Gebäude sogar von einem der ganz großen unter den Prager Architekten dieses Stils mit entworfen, nämlich Osvald Polívka (über den wir u.a. hier, hier und hier berichteten). Gesichert ist das aber nicht, aber Polívka war so etwas wie der Leib-und-Magen-Architekt der Ringhoffers, der auch den privaten Familiensitz in Prag gestaltet hatte. An vielen Plänen für Fabrikhallen war er zumindest beteiligt. Das Gebäude ist nur noch von außen so erhalten, wie es 1906 aussah. Innen wurde es entkernt, um dem Bedarf des Ladengeschäfts zu entsprechen, der nun einmal keine Eisenbahnen mehr baut. Immerhin hat sich der Innenarchitekt bemüht, ein wenig Industriehallenathmosphäre aufkommen zu lassen.

Und der Rat des Stadtteils von Smíchov hat die Gelegenheit,die dieses Gebäude bietet, immerhin genutzt, um den Firmengründer Franz II. Ringhofer zu ehren. Seit dem Mai 2018 befindet sich nämlich auf der Fassade der Halle eine Gedenktafel, die feierlich vom Stadtteil-Bürgermeister eingeweiht wurde.

Deren Text fasst (hier in Übersetzung) zusammen, warum man den großen Unternehmer heute noch als einen Gründervater der Prosperität Prags im allgemeinen und Smíchovs im speziellen feiert: „Franz II. Ringhoffer, 18.4.1817 -23.3.1873 Bürgermeister von Smíchov (1861-1865) und Mitglied des Tschechischen Landrates. In den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts gründete und erbaute er an diesem Ort ein weltbekanntes Fabrikgelände für die Herstellung von Eisenbahnwagons.“

Der Künstler, der die Tafel entworfen hat, ist der Maler und Bildhauer Jakub Grec. Das Design lässt die Technik, deren Pionier Ringhoffer war, wieder optisch aufleben, sieht das Ganze doch aus wie eine Werkbeschriftung aus dem 19. Jahrhundert, die sich zwischen zwei Eisenbahnpuffern befindet. (DD)

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