Das Leiden der First Lady

Heute vor 170 Jahren, am 20. November 1850, wurde sie geboren. Man sieht es ihr an, wieviel sie an diesem Ort durchmachen musste. Ihre Gedenkbüste zeigt sie als eine leidende Frau: Charlotte Garrigue Masaryková, die als erste „First Lady“ der 1918 ausgerufenen Ersten Tschechoslowakischen Republik bekannt wurde.

Dass sie das dereinst werden würde, war keineswegs vorgezeichnet, als sie in jenes Haus in der Mickiewiczova 239/13 (Prag 6) einzog, an dessen Fassade auf dem ersten Stock sich nun die Büste befindet. Die Büste ist das Werk des Bildhauers Vojtěch Sucharda, dem Bruder des etwas bekannteren Bildhauers Stanislav Sucharda, dem wir unter anderem das große Prager Denkmal des Nationalhistorikers František Palacký verdanken.

Charlotte Garrigue war eine emanzipierte Amerikanerin aus gutem New Yorker Hause. Die begabte Musikerin ging 1874 nach Leipzig, um dort am Konservatorium zu studieren. Dabei lernte sie den böhmischen Philosophen und Politiker Tomáš Masaryk kennen und lieben. Die beiden heirateten 1878 in Brooklyn. Wieder im damals noch habsburgischen Böhmen, engagierte sie sich an der Seite ihres Mannes in der Partei der Realisten, eine gemäßigt nationalische tschechische Refompartei mit liberalem Einschlag. Sie arbeitete nicht nur eifrig an seiner Kultur- und Politikzeitschrift Naše doba (Unsere Zeit) mit, sondern schuf sich einen eigenen Namen als Vorkämpferin für Frauenrechte. Der Respekt, den Masaryk für seine Frau empfand, zeigte sich auch daran, dass er ihren Familiennamen zu seinem Zweitnachnamen machte. Er nannte sich nun Tomáš Garrigue Masaryk, meist liebevoll abgekürzt als TGM.

Als der Erste Weltkrieg ausbrach, begannen die österreichischen Behörden damit, nationalistische Bewegungen im Reich zu unterdrücken, wozu auch gemäßigte Gruppen, die eigentlich loyal waren, gehörten. Masaryk musste 1915 Hals über Kopf ins westliche Ausland fliehen, wo er vor allem in den USA (nunmehr politisch radikalisiert) für die Unabhängigkeit des Landes warb. Seine Frau blieb in Prag in jenem Haus in der heutigen Mickiewiczova zurück, an dem sich die Büste befindet. Hier wurde sie von den Behörden drangsaliert und schikaniert, die in ihr eine potentielle Verräterin sahen. Nur durch die heimliche Unterstützung politischer Freunde ihres Mannes konnte sie mit ihren fünf Kindern wirtschaftlich überleben.

Dann kam ein persönlicher Schlag, als einer ihrer Söhne, Herbert Masaryk, plötzlich verstarb. Bald darauf wurde Tochter Alice aus politischen Gründen eine zeitlang ins Gefängnis gesteckt. Und eben an diese Leiden erinnert Suchardas Büste und die Inschrift, die übersetzt lautet: „Hier lebte und litt Ch. Garrigue Masaryková. Eine Amerikanerin von Geburt, eine Tschechin im Geiste, eine engagierte Mitarbeiterin unseres Befreiers. 1914-1918.“ Die Leiden hatten erst ein Ende, als 1918 die Tschechoslowakei unabhängig und ihr zurückgekehrter Mann der erste Präsident und sie die erste First Lady wurden. Einge Zeit später wechselten sie den Wohnsitz in den neuen Präsidentenpalast in der Burg. Auch hier engagierte sie sich weiter, vor allem in Sachen Frauenrechte. Sie starb schon 1923 – nicht zuletzt an den Spätfolgen der schrecklichen Zeit, die sie in diesem Haus erlebt hatte. Den Tod ihres ersten Sohnes Jan im Jahr 1948, der später Außenminister wurde und wohl einem Mordkomplott der Kommunisten anheimfiel, musste sie nicht mehr erleben.

Das Haus, an dem bald nach Charlotte Garrigue Masarykovás Tod ihre Büste angebracht wurde, ist übrigens für sich genommen schon interessant. Es war damals frisch gebaut worden. In den Jahren baute der Meisterarchitekt Jan Kotěra (über den wir u.a. schon hier und hier berichtet haben) für private Auftraggeber zwei Doppelhaushälften für Familien. Kotěra war einer der Pioniere der modernen Architektur in Böhmen, der die Konventionen des Historismus und des Jugendstils überwand. Als das Ehepaar Garrigue Masaryk hier kurz darauf einzog, mussten neue Stabilisierungsstützen in das Gebäude eingezogen werden. Der Philosophieprofessor und seine Frau hatten eine so große Privatbibliothek, dass das Gewicht der Bücher sonst die Statik des Hauses gefährdet hätte. (DD)

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