Mordor wird Geschichte

Mordor nennen die stets zu hintersinnigem Humor bereiten Prager das Gebäude bisweilen, weil es eine menschenleere Öde zu werden scheint, wie Saurons Reich in Herr der Ringe. Andere nennen es Štrougalova – nach dem kommunistischen Ministerpräsidenten Lubomír Štrougal, der im Januar 1980 das Zentrale Telekommunikationsgebäude (Ústřední telekomunikační budova) feierlich eröffnete.

Damals war es das größte seiner Art in der Welt und man war richtig stolz darauf.

Nun scheint es, dass es zu jenen Bauwerken des sogenannten realsozialistischen Brutalismus ist, das bei der Dauerdebatte, ob man diese Art moderner Kolossalarchitektur in rohem Beton, Glas und Stahl als Denkmal schützen (Beispiel hier) oder abreißen (hier) soll, wohl im Jahre 2022 den Kürzeren ziehen wird. Das Gebäude, das den Stadtteil Žižkov (Prag 3) in diesem Gebiet optisch mitprägte, ja fast ein Wahrzeichen war, wird dann wohl verschwinden.

Es handelt sich um einen Gebäudekomplex in der Olšanská Straße, der aus großen quaderförmigen Hochhäusern besteht, aus denen der sehr charakteristische Sendeturm mit seiner kühnen, nach oben sich entfaltenden Dachkonstruktion (großes Bild) herausragt. Der höchste Punkt liegt immerhin in 96 Meter Höhe. Über 72.000 Quadratmeter Nutzfläche stehen im Gebäude zur Verfügung. Das machte es zum damals größten Gebäude in der Tschechoslowakei überhaupt. Zu besten Zeiten konnten hier 2500 Menschen arbeiten, denen mehrere Kantinen und sogar ein Kino geboten wurden.

Entworfen wurde der Komplex von einem ganzen Architektenkollektiv, bestehend aus František Cubr, Zdenĕk Pokorný, Josef Hruby, František Štráchal und Vladimír Oulík, die allesamt sich bereits eine internationale Reputation als Meister funktionalistischer Baukunst erworben hatten. Die Bauarbeiten fanden zwischen 1972 bis 1979 statt und wurden von einer schwedischen Baufirma durchgeführt. Das war nicht unüblich in der Spätphase des Kommunismus, wie man am Beispiel des einen brutalistischen Gebäudes sehen konnte, das in Prag tatsächlich unter Denkmalschutz gestellt wurde, nämlich dem Einkaufszentrum Kotva in der Innenstadt (früherer Beitrag hier).

In den 1990er Jahren gehörte das Gebäude der staatlichen Telefongesellschaft SPT Telecom, danach der privaten Telefonica O2 und heute der von O2 abgespaltenen Telekommunikations-Firma CETIN des tschechischen Milliardärs und Investors Petr Kellner. 1998/99 wurden Teile der Gebäude neu und wärmedämmend mit Alumnium und Glas verkleidet. Das Ganze wurde so kostengünstiger, was Heizkosten anging. CETIN will das Gebäude jedoch 2022 trotzdem verlassen. Das Material erodiert, die Wartung ist zu teuer und die Technik entspricht nicht mehr den Bedürfnissen heutiger Telekomunternehmen. Schon jetzt stehen große Teile leer und öde da – Mordor eben. Kurz: Mit dem Auszug von CETIN wird das Gebäude abgerissen. 2019 gab es einen Architekturwettbewerb, wer denn das hier entstehende New Žižkov Centre – ein großer Wohn- und Bürokomplex – bauen soll. Gewonnen hat ihn die in London lebende tschechische Meisterarchitektin Eva Jiřičná (früherer Beitrag hier).

Man kann und soll dem gigantischen Technizismus ausstrahlenden Sendeturm von „Mordor“, der den Stadtteil überragt und in seiner Art auch einzigartig ist, nachtrauern, wenn er denn 2022 Geschichte wird. Aber so entwickeln sich Städte halt. Gebäude kommen und gehen und neue kommen. Eva Jiřičná hat jedenfalls versprochen, dass der neue Hochhäuserkomplex wieder eine weit sichtbares Wahrzeichen werde, das zur Umgebung passe und fügte hinzu: „Wenn ein hohes Gebäude schön ist, zerstört es keine Stadt.“ In anderen Worten: Der Trauer über den Verlust des Alten, folgt die Vorfreude auf das Neue. (DD)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s