Gottwalds Horrorshow

Die Tradition will, dass hier in diesem Blog am 31. Oktober, also zum Halloweenstag, ein gruseliges Bild zu erscheinen habe. Dieses hier stammt aus der Gruselkammer des Kommunismus, einer Gruft des roten Grauens, sozusagen. Und man kann nur hoffen, dass die Geister, die hier hausen mögen, nie mehr wieder erwachen werden.

Klement Gottwald war einer der gnadenlosesten Vollstrecker von Stalins Willen unter den Staatschefs, die Moskau in seinem Machtkreis nach dem Zweiten Weltkrieg in den unterjochten Ländern installierte. Morde, Folterungen, Schauprozesse, Bespitzelung, Pressezensur, Zwangsarbeit (vorzugsweise in radioaktiv verseuchten Uranminen), Unterdrückung aller persönlichen und politischen Freiheiten, Abschaffung aller Parteien außer der Kommunistischen standen unter ihm auf der Tagesordnung. Und natürlich auch: Der Personenkult.

Der führte dazu, dass man seinen einbalsamierten Körper dauerhaft in einem Mausoleum öffentlich aufbahrte, als er am 14. März 1953 – von Syphilis und Trunksucht gebeutelt – wenige Tage nach dem Besuch von Stalins Begräbnis verstarb. Das brauchte man einen Ort für die letzte Ruhestätte und bald fand man auch einen, den man dadurch so richtig entwürdigen konnte: Das Nationaldenkmal auf den Vítkov-Berg. Das war eigentlich als eine monumentale Gedenkstätte für alle diejenigen gedacht gewesen, die sich nach 1918 für die Republik, die Freiheit und die Demokratie eingesetzt hatten, als man in den 1930er Jahren mit dem Bau begann. Dann wurde die Republik durch die Nazis zerstört und die Arbeiten kamen zum Erliegen. Die erste – noch demokratische – Regierung nach 1945 wollte das Projekt weiterführen.

In der Apsis sollte nun ein Raum entstehen, in dem demokratische Widerstandskämpfer gegen die Nazis beerdigt werden sollten. Soweit kam es nicht. Im Februar 1948 kamen die Kommunisten mit einem Coup an die Macht und begannen Schritt für Schritt das Gebäude für ihre geschichtspolitischen Zwecke umzufunktionieren. Als er starb, sollte nun statt der demokratischen Widerständler ausgerechnet der undemokratische Gottwald zwecks Anbetung durch die „Arbeiterklasse“ hier als Mumie im Glassarg präpariert (Vorbild: Lenin) seine (vermeintlich) letzte Ruhestätte finden. Im Dezember 1953 wurde das Mausoleum mit dem toten Gottwald eröffnet. Nur das mit dem fachgerechten Ausstopfen hatte nicht so recht geklappt.

Schon im April 1959 entdeckte man leichte Auflösungs-erscheinungen am Körper des Verblichenen, die seine Attraktivität als Ausstellungs- und Anbetungsobjekt merklich zu schmälern begannen. Es begannen hektische Arbeiten in den Kellerräumen unter der Gruft. Es wurde ein Aufzug installiert, mit dem der Körper fast jeden Abend nach Ende der Besuchszeit in ein eilig eingerichtetes klinisches Laboratorium heruntergefahren wurde, wo Experten ihn sorgfältig behandelten, pflegten und – ab November des Jahres – gegebenfalls echte Teile durch künstliche Prothesen austauschten, wenn sie zu unansehnlich geworden waren.

Man sieht heute noch die große Schaltzentrale außerhalb dieses „Behandlungsraums“, die den Lift betrieb und für die richtige Klimatisierung sorgte, damit wenigstens unten im Keller die Verwesungsprozesse eingedämmt werden konnten. Zu diesem Zeitpunkt hatte ja bereits Dank des Chruschtschowschen Tauwetters (ab 1956) in der Sowjetunion selbst die Entstalinisierung und das Ende des Personenkults eingesetzt. In der Tschechoslowakei brauchte das etwas länger. Aber im April 1962 konnten die Ärzte und Balsamierer endlich aufhören, an Gottwalds Leichnam zu retten, was noch zu retten war. Er wurde herausgebracht, eingeäschert und in einer unauffälligen Ecke des Denkmals untergebracht. 1989 wurde die Urne im Zuge der Samtenen Revolution in einem Sammelgrab im Olšany-Friedhof (früherer Beitrag hier) zusammen mit anderen zu diesem Zeitpunkt in Ungnade gefallenen Kommunistenfunktionären beerdigt.

Mit der Samtenen Revolution , die den kommunistischen Spuk beendete, begann auch für das Nationaldenkmal eine neue Zeit. Die Kellergruft, wo man damals beständig an Gottwalds Leiche herumwerkelte, ist nun der schauerliche Teil einer Ausstellung. Dort sieht man – großes Bild oben – Einrichtungsgegenstände des Labors und die Totenmaske Gottwald. Überall herum befinden sich weiße Kacheln, das Licht ist dunkel. Irgendwie grauslich düster! In einer Nische, die fast die Optik einer Toilette hat, wurde nun die Gedenkplatte, die damals oben im „Showroom“ bei der Mumie angebracht war, platziert. Eine kleine multimediale Ausstellung begleitet die kleine Horrorshow.

Oben im Mausoleumsraum hat man statt des Glassargs nun einen marmornen Sarg hingestellt, der dem ursprünglich geplanten entspricht. Drumherum befinden sich noch an den Wänden Mosaike von siegreichen Rotarmisten, die einen zynischen Kontrast zu dem demokratischen und republikanischen Pathos des restlichen Gebäudes bilden. Man hat den Raum hier so – zur Erinnerung und Mahnung – so belassen, wie ihn die Kommunisten damals gestaltet hatten. Man verlässt diesen Bereich des Nationaldenkmals in dem Gefühl, etwas völlig Surreales gesehen zu haben. Wie konnte das alles nur geschehen? (DD)

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