Avantgardearchitektur für Avantgardekünstler

Als der wahre Begründer einer eigenständigen tschechischen Malerei galt Josef Mánes für viele Zeitgenossen. Der spätromantische Maler stand für fortschrittliche künstlerische, aber auch politische Ideen, im Sinne einer liberalen Opposition gegen das verknöchert wirkende Habsburgertum.

Kein Wunder, dass man in Prag nicht nur eine Brücke nach ihm benannte (früherer Beitrag hier), sondern dass sich nach seinem Tod die bekanntesten Vertreter der künstlerischen Moderne unter seinem Namen versammelten. 1897 gründeten sie nämlich die Vereinigung bildender Künstler Mánes (Spolek výtvarných umělců Mánes, SVU Mánes). Und zu der gehörten große Namen des tschechischen Kulturlebens – etwa der Schriftsteller und kubistische Maler Josef Čapek, der historistische Maler Mikoláš Aleš (frühere Beiträge hier und hier), der frühfunktionalistische Architekt Jan Kotěra, der kubistische Bildhauer Otto Gutfreund, und, und, und…

Es war klar, dass sich die Vereinigung auf dem Höhepunkt ihres Wirkens in der Ersten Republik ein kulturelles Zentrum erbauen ließ, dass das avantgardistischste vom Avantgardistischen war. Dazu gewann man den Architekten Otakar Novotný (der selbst Mitglied der Mánes-Vereinigung war), der 1930 den streng funktionalistischen Bau der Galerie Mánes fertigstellte. Schon 1923 hatte man den Beschluss zum Bau gefasst und 1927 mit den Arbeiten begonnen. Zu den Spendern, die die kostspieligen Bauarbeiten möglich machten, gehörten zum Beispiel Louis Nathaniel von Rothschild oder auch Präsident Tomáš Garrigue Masaryk, der nicht zuletzt mit den republikanischen Vorstellungen der meisten Künstler der Vereinigung sympathisierte.

Am Masaryk Ufer (Masarykovo nábřeží 250/1) gelegen, verbindet das Gebäude wie eine Brücke die Uferpromenade mit der Slawischen Insel (Slovanský ostrov, früherer Beitrag hier). Darunter befindet sich sogar eine Schleuse. Typisch für die funktionalistische Avantgarde der Zeit sind die klaren geometrischen Formen, die die von Klarheit und Helligkeit geprägt sind. Stahl, Beton und viel Glas werden in den Vordergrund gestellt.

Kernstück ist die große Haupthalle mit ihren 300 Quadratmetern, die für Ausstellungen, aber aber für hochkarätige Veranstaltungen flexibel genutzt wird. Das Bild rechts zeigt z.B. eine Veranstaltung der tschechischen Menschenrechtsorganisation Forum2000 im Oktober 2016 mit einer Diskussion zwischen dem Dalai Lama und dem damaligen tschechischen Kulturminister Daniel Herman.

Daneben gibt es noch zahlreiche kleinere Ausstellungsräume, die vor allem für Wechselausstellungen mit moderner künstlerischer ausrichtung reserviert sind. Die Mánes-Vereinigung nutzt das Gebäude auch noch für diesen Zweck. Nur 1956 wurde diese löbliche Tätigkeit unterbrochen, denn den Kommunisten war avantgardistische Kunst zu bürgerlich und, wenn sie es nicht war, dann doch zu formalistisch. Kurz nach dem Ende der kommunistischen Tyrannei, genauer: im Jahre 1990, konnte der Verein sich wieder voll entfalten.

Eine Beschreibung der Mánes Galerie wäre unvollkommen, erwähnte man nicht das dazugehörige Art Restaurant (zu dem noch ein Terrassenlokal und ein Café gehört). Das bietet nicht nur eine sehr gute Küche (gehoben tschechisch und international). Es zeigt auch, wie schön funktionalistische Innenarchitektur sein kann. Die großen Fenster zur Flussseite erlauben dabei noch einen wundervollen Ausblick auf die dort träge vorbeifließende Moldau. Das Restaurant passt schlichtweg zu dem gesamten Gebäude als Rückzugsort für Kultiviertheit.

Man sollte bei einem Besuch des Restaurants übrigens nicht nur nach unten auf die Genüsse des Tellers, sondern auch nach oben auf die in große Kassetten unterteilte Decke. Die ist nämlich mit hübschen Deckenfresken versehen, die einer der großen Vertreter des tschechischen Kubismus, der Maler und Bildhauer Emil Filla, vor der Eröffnung des Gebäude angefertig hatte – auch er übrigens ein Mitglied der Künstlervereinung Mánes.

Und noch etwas fällt von außen auf. Am Gebäude und in dasselbe integriert befindet sich ein alter Turm, der stilistisch reizvoll mit dem Funktionalismus kontrastiert. Es handelt sich um den spätmittelalterlichen Šítkov Wasserturm (Šítkovská vodárenská věž) aus dem Jahr 1495 (dem man im 18. Jahrhundert eine barocke Kuppel aufsetzte), der Teile von Alt- und Neustadt gravitativ mit Wasser versorgte, war Teil einer Mühle. Die verschwand im 19. Jahrhundert und 1882 wurde der Betrieb des Wasserwerks eingestellt. Nur mit Mühe konnte der Abriss des Turms verhindert werden. Als die Mánes-Galerie erbaut wurde, sah Architekt Novotný den Turm als eine Chance, eine harmonische Kombination von alt und neu zu erschaffen Die Baukosten erhöhten sich erheblich, weil der auf weichem Grund gebaute Turm erst durch eine Betonkonstruktion am Fundament stabilisiert werden musste. Der heutige Betrachter wird es den damaligen Geldgebern sicher danken, dass sie diese Kosten auf sich genommen haben, und so etwas besonders Bemerkenswertes entstehen ließen. (DD)

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