Vom Deutschen Theater zur Staatsoper

Seit Anfang des Jahres ist sie wieder geöffnet und in alter/neuer Pracht wiederauferstanden, nachdem sie fast drei Jahre einer Generalsanierung unterzogen worden war und deshalb geschlossen blieb: Die Staatsoper (Státní opera). in Prag. Nun setzt ihr gerade Corona zu, aber auch das wird hoffentlich vorbeigehen…

Sie ist eines von drei Opernhäusern der Stadt. In diesem Fall verdankt man dieses reiche Angebot an Kultur einem fruchtbaren Aspekt des Wettbewerbs zwischen der tschechischen und der deutschen Bevölkerungsgruppe in der Stadt. Die Tschechen hatten 1881 mit viel nationalem Triumphalismus ihr großes Nationaltheater (Národní divadlo) eröffnet und da wollte sich die Deutschsprachigen nicht lumpen lassen, und ein noch größeres bauen lassen.

1886 begann man mit dem Bau des Gebäudes (an der heutigen Wilsonova 101/4 in Prag 2) nach den Plänen des Architekten Alfons Wertmüller. Im Januar 1888 erfolgte die Eröffnung – ganz deutschnational mit einer recht lang geratenen Oper von Richard Wagner, den Meistersingern. Das Theater erwarb sich umgehend Weltruhm. Stars der Bühne gingen hier ein und aus und dazwischen sangen sie. Enrico Caruso sang und Gustav Mahler dirigierte hier. Damals hieß das Haus allerdings nicht Staatsoper, sondern Neues deutsches Theater. Das blieb so bis 1938. Die Zeit nach dem Münchner Abkommen war einer friedlichen Koexistenz der beiden Bevölkerungsgruppen mehr als abträglich. Der deutsche Theaterverein, der das Haus gegründet hatte, übergab es an den Tschechoslowakischen Staat.

Im Jahr darauf marschierten die Nazibesatzer ein. Das bedeutete das Ende des Theaters wie es bisher bestanden hatte. Dessen deutschsprachiges Ensemble hatte den Nazis dezidiert feindselig gegenüber gestanden. Man hatte nach Hitlers Machtergreifung 1933 viele Schauspieler engagiert, die – wie zum Beispiel Fritz Valk – vor den Nazis aus Deutschland geflohen waren. Folglich lösten die Nazis das Ensemble auf. Viele Schauspieler und Sänger gingen weiter ins Exil. Das nunmehr von den Nazis in Deutsches Opernhaus umgetaufte Theater wurde während des Krieges kaum bespielt, und dann auch nur mit einigen Tourneegastspielen. In der kurzen Zeit der Wiederkehr der Demokratie nach 1945 wollte man an den Prager Aufstand (siehe auch hier und hier) gegen die Nazis erinnern und nannte das Opernhaus in Theater des 5. Mai (Divadlo 5. května) um. Da dieser Aufstand den Kommunisten, die 1948 ihre Diktatur errichteten, nicht kommunistisch genug war, benannten die das Theater wieder um, diesmal in Smetana-Theater (Smetanovo divadlo). Mit dem Namen des großen tschechischen Nationalkomponisten Bedřich Smetana machte man nicht zuletzt deutlich, dass es längst kein deutsches Theater mehr war.

Erst nach dem Ende des Kommunismus wählte 1992 man die in Sachen Nationalität neutrale Bezeichnung als Staatsoper. Dass man mit der Vergangenheit nun doch wieder entspannter und im Sinne von Versöhnung umgeht, zeigt sich seit der Wiedereröffnung im Januar 2020. Ursprünglich befanden sich nämlich in den vorderen Fenstern im Mittelrisalit/Portikus die vom Bildhauer Otto Mentzel geschaffenen Büsten dreier deutscher Kulturgiganten – Schiller, Goethe und Mozart – zur Betonung, dass es sich eben doch dereinst um ein deutsches Theater handelte. Die Büsten waren nach 1945 abgebaut worden; nun hat man wieder den Originalzustand restauriert – samt Namensschriftzug.

Womit wir beim Gebäude selbst sind. Von außen sind Schiller, Goethe und Mozart von feinster Neorenaissance umgeben. Das war der Stil der Zeit, den wir ja auch beim tschechischen Gegenstück, dem Nationaltheater, in ungleich überbordenderer Form wiederfinden. Das erkennt man natürlich vor allem an der vorderen Fassade, denn der hintere Teil, der für Besucher kaum sichtbar ist, wurde 1973 in einem nüchternen funktionalistischen Stil ausgebaut und vergrößert. Wie gesagt, das bemerkt man normalerweise kaum.

Der österreichische Bildhauer Theodor Friedl schuf die Skupturenausstattung über dem typischen Portikus mit seinen korinthischen Säulen. Das umfasst zunächst einmal die Reliefs im Tympanon. Ganz im Sinne des damaligen humanistischen Bildungsideals zeigt es Allegorien der griechischen Mythologie, wobei vor allem die Gestalt des Orpheus auffällt, der seine Leier aufnimmt, um mit dem Pegasus in den Olymp zu fahren.

Darüber stehen imposante Statuen. In der Mitte und erhöht ist dies eine Allegorie der Fama, die römische Göttin des Ruhmes, die mit ihren Attributen – Trompete und Palmzweig – ausgestattet ist. Links sieht man Dionysos, den Gott des Weins und der Freude, dessen Wagen von den Tieren gezogen wird. Und rechts davon sieht man wiederum die stehende Gestalt der Muse der Komödie, Thalia.

Dem recht streng klassischem Äußeren des Gebäude steht ein wesentlich verspielteres Inneres gegenüber. Das ist nämlich durchgängig im Neo-Rokokostil gestaltet. Feinziselierte Rocaillen und Skulpturen aller Arten in Stuck bestimmen Treppenhaus und Auditorium. Und alles ist nun blitzblank restauriert, geradezu wie neu.

Der große Saal übertrifft an Umfang selbst den des bereits überbordend gestalteten Nationaltheaters der Tschechen. Im großen Bild oben sieht man die ebenfalls riesengroße Bühne (heute mit einer modernen Drehbühne ausgestattet) am Ende einer Aufführung von Leoš Janáčeks berühmter Oper Das schlaue Füchslein (Příhody lišky Bystroušky).

Dazu kommen die großen Deckengemälde des österreichen Malers Eduard Veith mit verschiedenen allegorischen Darstellungen. Sie sind ebenfalls in gigantische Kartuschen mit Rocaillen eingerahmt. Skulpturen ragen dabei zum Teil dreidemensionals aus dem jeweiligen Bild. Man könnte den Blick stundenlang schweifen lassen.

In die Stuckatur der Decke wurden ab und an auch Portraitreliefs eingearbeitet, die bedeutende Kultrugrößen darstellen. Die Außenfassade mit Goethe, Schiller und Mozart gedanklich forsetzend, sind es primär (mit der Ausmaße von Shakespeare) natürlich deutsche Künstler wie Beethoven (Bild rechts), Lessing oder Johann Sebastian Bach.

Von Veith stammte auch der große Bühnenvorhang mit Motiven der Sagenwelt (etwa Leda und der Schwan). Der ging in den Wirren des Jahres 1945 leider verloren – wie, das weiß niemand. Das es das Ziel der Restauration von 2017-2020 war, optisch die Urform des Neuen Deutschen Theaters weitgehend wiederherzustellen (wie im Fall der Büsten), bekam der tschechische Maler Martin Černý den Auftrag, ihn nach Photos zu rekonstruieren. Das scheint gut gelungen zu sein, obwohl man sich bei der Farbauswahl nicht sicher sein kann, da Černý nur alte Schwarz-Weiß-Photos zur Verfügung standen. Aber beeindruckend sieht das Ganze jetzt doch aus!

Bei all dem bemerkenswerten Eifer der Restauratoren, möglichst den Originalzustand optisch wiederherzustellen, darf man nicht übersehen, dass die Staatsoper bei der Renovierung 2017-2020 auch eifig modernisiert wurde. Das gilt nicht nur für die Bühnentechnik. Vor jedem Sitz (also am Rücksitz des Vordermannes) befindet sich seit der Neueröffnung ein kleiner Bildschirm mit Touchscreen. Während der Oper kann man hier die Untertitel lesen (wobei es besser ist, dafür den Bildschirm über der Bühne zu nutzen) und vorher sich über die Oper, ihre Inszenierung und die Sänger zu informieren – und zwar umfassend. Fazit: Die Renovierung hat sich gelohnt! (DD)

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