Hoheitliches Rathaus

Der heutige Stadtteil Nusle erlebte Ende des 19. Jahrhunderts eine große Phase der Industrialisierung. Die Stadt, die erst 1922 Teil von Prag wurde, erwarb sich enormen Wohlstand. Und deshalb konnte sie sich auch ein entsprechend repräsentatives Rathaus leisten.

Schon von weitem kann man das erhöht in der Táborská 500/30 in Prag 4 gelegene Gebäude bewundern. Es strahlt eine gewisse Hoheitlichkeit aus. Erbaut hat es der Architekt Antonín Turek, dem Prag viele bedeutsame öffentliche Gebäude verdankt (frühere Beiträge u.a. hier, hier und hier). Er war bekannt für seine Spezialisierung auf den Stil der Neorenaissance und so handelt es sich auch hier um ein Bauwerk, das der Ästhetik der böhmischen Renaissance nachempfunden ist.

Es entstand in den Jahren 1908/09. Der auf ein hohes Walmdach gesetzte Turm, die beiden Seitentürme und der große – von vielen Stuckmustern umrahmte – Arkadenbalkon geben dem Gebäude sein charakteristisches Aussehen. Die kleinen metallenen Wetterfahnen an den Seitentürmen zeigen immer noch die Initialen MN, was für Město Nusle (Stadt Nusle) steht, obwohl Nusle schon lange keine eigenen Stadtrechte mehr besitzt.

Ohne Aufgaben ist das alte Rathaus dennoch nicht. Drinnen befinden sich Büros der Stadtteilverwaltung, ein Informationsbüro, ein Konzertsaal, ein Hochzeitsraum und seit der großen Renovierung zu Beginn des 21. Jahrhunderts ein kleines Restaurant.

Oberhalb des rustifizierten Eingangs befinden sich an den Ecken des Risalits zwei steinerne Skulpturen. Nicht viel ist über sie bekannt, aber sie sind wohl von dem Bildhauer Václav Prokop entworfen und erstellt worden, der u.a. auch die skulpturale Ausstattung des Luzerna Palais (Palác Lucerna) in der Neustadt gestaltet hat (früherer Beitrag hier). Passend zu der blühenden Industrialisierungsphase, während der das Rathaus entstand, stellen sie Allegorien auf Industrie und Gewerbefleiß dar. Das passt heute, da seit dem Zweiten Weltkrieg die Industrie hier einen gewissen Niedergang erfuhr, nicht mehr ganz so sehr wie damals.

Gerne schaut man in Nusle natürlich auch auf die Geschichte des Rathauses zurückt, die durchaus Highlights aufweist. So besuchte der erste Staatspräsident der Tschechoslowakei, Tomáš Garrigue Masaryk, den Ort mindestens dreimal, wodurch man sich hier in Nusle zurecht sehr geehrt fühlte. Anscheinend fand der durchaus kunstsinnige Präsident das Gebäude recht ansehnlich. Und im Mai 1945 standen während des Prager Aufstandes (siehe auch hier und hier) große Barrikaden vor dem Rathaus, während ringsum heftige und siegreiche Kämpfe mit Nazibesetzern ausgefochten wurden. Im Mai 2010 gab es sogar ein historisches Re-Enactment, organisiert von stolzen und geschichtsbewussten Pragern, bei dem die Barrikaden wieder erstanden. Der Platz neben dem Rathaus ist seit 1997 nach dem Oberkommandierenden des Aufstandes, General Karel Kutlvašr, benannt, dessen Büste auch am Rathaus angebracht ist. (DD)

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