Muntere Minnesänger

Der Stadtteil Nusle war bis um 1900 ein kleines Dorf außerhalb Prags, das sich plötzlich zu einem Industriezentrum mauserte und ein deshalb ein enormes Bevölkerungswachstum durchmachte. Das macht sich auch im Stadtbild bemerkbar, in dem der damals moderne Architekturstil dominiert. Für Liebhaber des Jugendstils ist Nusle (seit 1922 Teil von Prag) deshalb ein echter Geheimtipp.

In diesem Zusammenhang gilt das vierstöckige Mietshaus in der Nuselská 1422/59 im Stadtteil Nusle als eine „der skurrilsten Prager Jugendstilvariationen“ (Zitat hier). Es stimmt traurig, dass gerade dieses herausragende Haus sich seit Jahren in einem stark renovierungsbedürftigen Zustand befindet. Erbaut wurde es in den Jahres 1913/14 von dem Architekten und Baumeister Ludvik Melzer, über den ansonsten recht wenig bekannt ist.

Interessant und witzig ist jedoch die Fassadengestaltung im späten Jugendstil. Die ist wiederum wahrscheinlich das Werk des Architekten Miroslav Buriánek, der hier eines seiner Meisterwerke schuf.

Geometrische Muster und auch naturalistsche Reliefs prägen dabei das Bild der Fassade ebenso wie die symmetrische Anordnung der beiden mehrstöckigen Erker und vor allem die recht schwungvoll und dynamisch übereinander gestuften Balkone.

Höhepunkt und der eigentliche Witz ist jedoch das Eingangsportal. Es zeigt auf sich nach oben erweiternden Pilastern je links und rechts zwei in Stuck gestaltete Skulpturen von mittelalterlichen Minnesängern. Sie zupfen beiden recht lustig an den Saiten ihrer Lauten. Die Freude beim Anschauen wird leider dadurch etwas getrübt, dass dem rechten Minnesänger schon seit Jahren die rechte Hand und der obere Teil des Griffbretts fehlen. Sind sie dereinst Opfer von barbarischem Vandalismus geworden?

Es wäre wünschenswert, wenn eine Restauration schon bald durchgeführt würde – auch wenn sie teuer wäre. Denn zusammen mit der originalen, durch zwei rautenförmige Glasfenster ausgeschmückten Holztüre und dem darüber befindlichen geometrisch strukturierten Fenster unter dem Türsturz bildet das Ensemble mit den beiden Minnesänger schon einen bemerkenswerten Anblick. Es nimmt schon ein wenig der Formensprache des Kubismus, der um diese Zeit dem Jugendstil den Rang als architektonischen „Modetrend“ abzulaufen begann, vorweg. Aber vielleicht wird ja die Zeit die Wunden heilen, so bleibt jedenfalls zu hoffen. (DD)

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