Vernachlässigtes jüdisches Erbe

Das Erbe der jüdischen Kultur wird in Prag außerordentlich sorgfältig gepflegt. Aber die schrecklichen Zeitläufe des 20. Jahrhunderts ließen Vieles unwiederbringlich verloren gehen oder als Schatten seiner selbst weiterbestehen. Nicht nur die Nazis während der Besetzung, sondern später auch die Kommunisten trugen zu einem tragischen und nicht wieder gutzumachenden Kulturverlust bei. Im Stadtteil Libeň (Prag 8) lässt sich dies in trauriger Weise veranschaulichen.

Direkt bei der Metrostation Palmovka findet man in einer etwas verwahrlosten Stelle Prags die Synagoge in Libeň (Libeňská synagoga). Der schlichte, aber eigentlich recht eindringliche Bau im Stil der Neorenaissance wurde 1858 eingeweiht (der Bau hatte schon 1846 mit einer Grundsteinlegung in Anwesenheit von Erzherzog Stephan begonnen, sich aber verzögert). Er löste eine eine ältere Synagoge von 1592 ab, die näher an der Moldau lag und daher von Überschwemmungen heimgesucht wurde. Libeň war in dieser Zeit nach dem ungleich bekannten Judenviertel Josefov in der Altstadt das zweitgrößte jüdische Zentrum im heutigen Prag (zu dem der Ort erst 1901 eingemeindet wurde).

Der rechteckige Bau wurde von der Gemeinde als Synagoge bis zur Besetzung durch die Nazis genutzt, die die meisten Gemeindemitglieder verschleppten und umbrachten. Nach dem Krieg benutzten die Kommunisten den Bau als Lagerhalle. Die Synagoge verfiel. Nach dem Ende des Kommunismus wurde sie der verbliebenen jüdischen Gemeinde rückerstattet und renoviert. Sie wird aber seither nur gelegentlich für Kulturveranstaltungen und kleine Ausstellungen verwendet. Aber meist bietet sich ein tristes Bild. Ab und zu liegen Obdachlose im Eingang. Der Boden ist mit Abfall übersät. Einige Fenster sind zerbrochen und die Fenstergitter verrostet. Wenig vom alten bürgerlichen Glanz hat die Zeit überlebt.

Nur wenige Schritte entfernt: Der Alte jüdische Friedhof in Prag-Libeň (Starý židovský hřbitov v Praze-Libni) – oder was davon übrig blieb. Der wurde Ende des 16. Jahrhunderts angelegt und später noch ein wenig erweitert. Schon 1875 ging ein Stück verloren als auf einem Teil des Geländes ein Bahnhof gebaut wurde. 1892 wurden die Beerdigungen eingestellt und der Neue Jüdischer Friedhof Prag-Libeň (Nový židovský hřbitov v Praze-Libni) weiter oberhalb an der Davídkova angelegt. 1928 fiel ein weiteres Stück – inklusive der Beerdigungshalle – dem Bau der Libeň -Brücke, die hier beginnt, um Opfer. Die Nazis überlebte er so einigermaßen, nicht weil die moralische Skrupel hatten, sondern weil sie den zynischen Plan verfolgten, in Prag ein Museum einer untergegangenen Rasse aufbauen zu wollten.

Das vollständige Zerstörungswerk blieb daher den Kommunisten vorbehalten. Das örtliche Nationalkomittee (wie Stadträte damals genannt wurden) von Libeň und das Prager Bauamt ordneten 1964/65 die komplette Zerstörung des Friedhofs an. Alte Grabsteine wurden zerstört und tief vergraben. Da war nichts mehr zu retten. Deshalb sieht man hier heute nur noch eine unansehnliche Grünfläche mit einem Stück der alten Friedhofsmauer, die an einen nunmehr bewaldeten Abhang grenzt, auf dem sich einst auch Gräber befanden.

Die Stadtteilregierung versuchte das Beste daraus zu machen. Sie stellte eine Informationstafel auf, die die tragische Geschichte des Friedhofs (in Tschechisch und Englisch) schildert.

Am Schluss enthält sie noch eine Warnung an Kohanim (eine bestimmte Art jüdischer Priester), dass sie den Grund hier meiden sollten. Das Betreten des entweihten Friedhofs widerspräche den für sie geltenden Reinheitsvorschriften, die es verbieten, dass sie Tote berühren oder sich ihnen auch nur nähern. Stünde das Schild nicht hier, würde sie nichts davor warnen, den Friedhof zu betreten, von dem tatsächlich keine Spur mehr sichtbar ist. (DD)

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