Kubismus mit Kelch

Die Tschechen sind ein ausgesprochen säkulares Volk. Vielleicht war es die Zwangskatholisierung nach der Schlacht  am Weißen Berg, die 1620 gleichermaßen die Glaubensfreiheit und die politische Selbstbestimmung Böhmens beendete, ein Grund dafür. Als 1918 die Erste Tschechoslowakische Republik gegründet wurde, spielte die Katholische Kirche jedenfalls kaum eine identitätsstiftende Rolle für den neuen Staat. In diese Rolle drängte es nun die 1919/20 gegründete Tschechoslowakische Kirche (Církev československá), die sich ab 1971 Tschechoslowakische Hussitische Kirche (Církev československá husitská), die sich als eine Art Nationalkirche der Republik definierte.

Den damit verbundenen fortschrittlichen Anspruch dieser reformistischen Abspaltung von der Katholischen Kirche (1947 wurde z.B. die Frauenordination eingeführt) versuchte man auch optisch in der Architektur neuer Gotteshäuser umzusetzen. Die erlaubten sich keine historisierenden Rückgriffe, sondern befanden sich stilistisch voll auf der Höhe der modernen Welt, wie wir u.a. schon hier und hier gezeigt haben. Insbesondere Kubismus und Funktionalismus waren angesagt. So auch hier bei dem Hussitischen Gemeindehaus (Husův sbor) in der Táborská 317/65 im Stadtteil Nusle.

Erbaut wurde das Gemeindehaus – gemäß ihrer reformistischem Selbstverständnis gibt es bei der Hussitischen Kirche kaum eigentliche Kirchen, sondern nur umfassende Gemeindehäuser, die als Gotteshaus und sozialkulturelle Einrichtung dienen – im Jahre 1925 von dem Architekten Václav Řezníček.

Die plakative Fassadengestaltung ist schon fast ein Musterbeispiel für kubistische Architektur, die in den 1920er Jahren in Prag en vogue war. Das gilt nicht zuletzt auch für den besonders riesigen Kelch, der hier in Stuck dargestellt. Der geht auf die hussitische Praxis des Laienkelchs beim Abendmahl zurück, die einer der theologischen Hauptstreitpunkte mit der Katholischen Kirche in der Zeit der Hussitenkriege im 15. Jahrhundert war und später zum Symbol für ein modern-demokratisches Glaubensverständnis wurde. Zwei Kelche und das Portrait von Jan Hus kann man übrigens auch als Bleiglasfenster des Gemeindesaals im ersten Stock bewundern. (DD)

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