Spital ohne Salieri

Ein düsterer Gang. Schritte ertönen. Irgendwo hinter einer dieser Zellentüren sitzt er. Manchmal grimmig grinsend und vom Wahn umfechelt, erzählt er seinen Besuchern, wie er dereinst den verhassten Erzrivalen Wolfgang Amadeus Mozart umbrachte, der doch so viel mehr Talent hatte als er selbst.

Nein, Antonio Salieri hat Mozart nicht umgebracht. Und er endete auch nicht wahnsinnig in Prag, sondern geistig gesund in Wien. Aber hier in einem der düsteren Zellentrakte fristete Salieri in dem berühmten und phantasievollen Film Amadeus (1984) des tschechisch-amerikanischen Regisseurs Miloš Forman sein schauriges Lebensende.

Wäre Salieri aber in Prag gestorben, dann hätte es durchaus dieser Ort sein können, denn es handelt sich hier tatsächlich um ein altes Spital, das zu seinen Zeiten auch als ebensolches in Betrieb war. Drehort für die Szenen war nämlich die alte Invalidenanstalt (Invalidovna) im Stadtteil Karlín (Prag 8). Bei der Invalidovna handelt es sich um eines der imposantesten und größten Barockgebäude in ganz Prag – möglicherweise sogar das größte in Tschechien. Erbaut wurde es in den Jahren 1731 bis 1737 von dem Architekten Kilian Ignaz Dientzenhofer, der wohl bedeutendste Barockbaumeister seiner Zeit in Prag (frühere Beiträge u.a. hier und hier).

Finanziert wurde die Anstalt (mit einiger Verspätung) aus dem Erbe von Peter Strozzi, Graf zu Schrattenthal, einem kaiserlichen Feldmarschall des Dreissigjährigen Krieges, der sein späteres Leben größtenteils der Wohltätigkeit widmete und die Verwendung seines Erbes für invalide Veteranen verfügte. 1728 ordnete Kaiser Karl VI. an, dass das Geld der Veteranenstiftung, die der schon 1694 verstorbene Strozzi gestiftet hatte, in Prag angelegt werden solle. Als Vorbild schwebte ihm dabei das bereits seit 1676 bestehende Hôtel des Invalides in Paris vor. Vor dem Gebäude ehrt ein Denkmal mit seiner Büste, geschaffen 1898 im Stil des Neobarock von dem Bildhauer Mořic Černil, den edlen Spender.

Die von stilisierten dorischen Pilastern (die dorische Säulenordnung ist typisch für militärische Gebäude) strukturierte und zwei Risaliten unterbrochene Hauptfassade ist mit über 120 Metern Länge geradezu erschlagend. Nun ja, immerhin war das Gebäude anfänglich für 4000 meist kriegsversehrte Veteranen (teilweise mit Familien) vorgesehen, was aber nicht realisiert werden konnte. Die Fläche hätte das neunfache des heutigen Areals betragen – wahrhaft gigantisch! Der Komplex, so wie er dann gebaut wurde, fasste immerhin 1000 Veteranen. Und auch das setzte ein Gebäude von enorm riesigen Ausmaßen voraus. Offiziere und Familien bekamen eigene kleine Wohnungen zugeteilt, alleinstehende arme Veteranen wurden in Schlafsälen untergebracht.

Über den Risaliten befinden sich Skulpturen des Barockbildhauers Matthias Bernard Braun. Sie zeigen klassische Kriegstrophäen, die den militärischen Charakter des Gebäudes unterstreichen. Trotzdem gehörte das Gebäude übrigens nicht dem Militär selbst, sondern wurde auf Wunsch Strozzis vom Erzbistum Prag betrieben. 1814 wurde es dann einem eigens eingerichteten Indivalidenfonds übertragen.

Nach dem Ende des Habsburgerreichs wurde die Invalidovna dem Verteidigungsministerium der neuen Tschechoslowakischen Republik übertragen, das es zunächst weiter als Spital betrieb. 1920 erfolgte eine umfassende Modernisierung, die vor allem eine Elektrifizierung herbeiführte. 1935 wurde das Spital aufgelöst und das Militärhistorische Archiv zog hier. Dem wurde 2002 das Große Hochwasser zum Verhängnis, das im niedriggelegenen Karlín besonders heftig wütete. Die Archivalien wurden mehr oder minder völlig vernichtet und das Gebäude nahm schweren Schaden, der bis heute nicht völlig behoben ist.

Deshalb kann man das Gebäude an den meisten Tagen nur von außen besichtigen (was sich lohnt, zumal die Fassaden an jeder Seite unterschiedlich strukturiert sind – im Bild rechts sieht man die m.E. wesentlich mit ihren roten Halbsäulen wesentlich pittoresker als die Hauptfassade gestaltete östliche Seite. Es ist geplant, hier ein Kulturzentrum mit einem Museum des alten Habsburgischen Militärs in Böhmen einzurichten. Der tschechische Staat hat Geld für ein umfangreiches Sanierungsprogramm zur Verfügung gestellt.

Zwischen April und Oktober kann man an Freitagen und Wochenenden (oder zu speziellen Anlässen) das Innere gegen Eintrittsgeld während einer (tschechischen) Führung besichtigen. Durch einen mit phantasievollen Skulpturen versehenen Ganz kommt man in einen schönen, mit Bäumen bewachsenen Innenhof.

Drinnen kann man den Nachholbedarf an Renovierung beklagen, aber auch Erstaunliches besichtigen. Etwas spukig, aber dem Status als Hospital und Alterswohnsitz für Kriegsveteranen thematisch sehr angemessen, sind die barocken Statuen in den unteren Wandelgängen und Treppenhäusern. Sie stellen Soldaten in Ritterrüstungen dar, denen aber stets Gliedmaßen – meist ein oder zwei Arme – fehlen. Es ist eine Erinnerung daran, wie hart und gefahrenreich das Soldatenleben in der Habsburgerarmee war. Man mag sich gar nicht vorstellen, wie es erst gewesen wäre, wenn Strozzi dieses Hospital nicht gespendet hätte und die verkrüppelten Veteranen auf der Straße ihr Leben durch Betteln hätten fristen müssen (was vorher wohl die Regel war)….

Und dann ist da noch die Kapelle zum Heiligen Kreuz (Kaple svatého Kříže), die im Erdgeschoss – ebenfalls von Dientzenhofer – erbaut wurde. Die Veteranen brauchten sicher geistlichen Beistand und hier wurde für ihn gesorgt. Das Innere der Kapelle, die ebenfalls stark renovierungsbedürftig ist, befindet sich aber nicht mehr im barocken Originalzustand. Mehrfach wurde sie inzwischen grundlegend umgestaltet.

Schon 1892 wurden sämtliche barocken Wandmalereien übertüncht. Neuere kunsthistorische Forschungen konnten ihre Existenz nachweisen. Einige Reste der nunmehr neuen Malerei im historistischen Stil kann man heute stattdessen vor allem an der Decke bewundern. Es handelt sich meist um recht zurückhaltende Ornamentik. Wirklich auffallend sind jedoch die Glasfenster, die noch 1935 – kurz vor der Schließung des Hospitals – eingefügt wurden. Es handelt sich um geradezu herrlich kitschige Engels- und Heiligenbilder. Sie waren vermutlich schon damals stilistisch irgendwie aus der Zeit gefallen, wirken aber letztlich schon recht charmant.

Ach ja, Amadeus mit dem verrückten Salieri war nicht der einzige berühmte Film, der hier gedreht wurde. Das Areal bietet einfach unzählige Möglichkeiten für Filmkunst und unzählige Filme wurden auch hier gemacht. 2004 filmte man u.a. hier zum Beispiel Szenen für den amerikanischen Grusel-Fantasy-Film Hellboy. Zwei Jahre zuvor lief das Remake von Doktor Schiwago (nicht der tolle Film mit Omar Sharif!), für den auch einige Szenen hier gedreht wurden. Und wer denkt, die deutsche Krankenhaus-Fernsehserie Charité (2017) wurde tatsächlich in der Charité gedreht, liegt falsch. Auch hier war der Drehort die Invalidovna. Von einem Filmdreh findet man sogar noch Spuren. Einige Szenen der US-Fernsehserie Genius (2017ff), die von Albert Einstein handeln, wurden hier gefilmt. In seinem Film-Apartment hier sieht man noch an die Wand gekritzelte und in Türglas gekratzte Formeln, mit denen sich das Genie hier befasste.

Dies und vieles mehr mach die Invalidovna zu einem spannenden Ausflugsziel – nicht nur für Mozart- und Salierifans! Jetzt muss nur mit dem Renovieren begonnen werden. Das ist natürlich leichter gesagt als getan. Man sieht aber immerhin, was für ein Potential dieses Gebäude für ein Museums- und Kulturzentrum hat. Aber man sieht auch, wieviel Geld und Mühe es kosten wird, bis es damit soweit ist. (DD)

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