Wasserturm als Kulturzentrum

Wie man die Stadt mit trinkbarem Wasser versorgt, war über Jahrhunderte eines der großen Probleme der lokalen Politik. Und je größer die Stadt wurde, desto größer wurde das Problem.

Ende des 19. Jahrhunderts machte man Nägel mit Köpfen und begann mit dem systematischen Ausbau eines Wasserleitungssystems und dem Bau von Wassertürmen, die die Versorgung ermöglichten. Unter ihnen findet man kleine architektonische Perlen (siehe auch hier).

Zu ihnen gehört der Wasserturm von Letná (Vodárenská věž Letná) in der Korunovační/Ecke Letenské náměstí in Bubeneč (Prag 7). Der wurde 1888 nach den Entwürfen des Architekten Jindřich Fialka im Stil der damals modischen Neorenaissance fertiggestellt. Er sollte die Stadtteile Bubeneč und Holešovice mit Trinkwasser versorgen. Mit 38,3 Meter Höhe nahm er sich ausgesprochen imposant aus, ein Effekt, der damals dadurch verstärkt wurde, dass der Turm weitgehend im Freien stand, während er heute eng von großen sozialistischen Plattenbauten der 1970er Jahre flankiert ist.

Unter dem großen Walmdach mit kleinem Turmaufsatz befand sich ursprünglich ein Wasserbasin mit fast 198 Kubikmeter Wasser Fassunsgvermögen. Die technischen Einrichtungen – insbesondere jene, die zum Hochpumpen des Wasser nötig waren – wurden von der Firma Breifeld-Daňek eingebaut. Dazu gehörten auch Nebengebäude wie das Pumpenhaus und ein unteres Wasserreservoir. Sie gibt es schon lange nicht mehr. Denn der Wassertum von Letná hatte eine ungeheuer kurze Nutzungszeit. Die Technik und das Volumen galten 1913 schon als veraltet und unzulänglich und der Betrieb wurde kurzerhand eingestellt. Der Turm selbst war aber zu schön, um abgerissen zuwerden.

Nachdem die Wirtschaftsgebäude abgerissen worden waren, wurden im Turm erst einmal Wohnungen eingerichtet – mit schöner Aussicht, wie man annehmen darf, denn den Turm umrundet auf 20,5 Meter Höhe eine Aussichtsgalerie. Und die modernen Hochhäuser, die ihn heute teilweise umstellt haben, gab es noch nicht. Ganz oben soll sich sogar eine Teestube befunden haben. Später verkam das Ganze allerdings mehr zu einem Lagergebäude und 1978 zog hier der kommunistische Jugendverband Pionieren ein, womit der Tiefpunkt erreicht war. Schon kurz nach der Samtenen Revolution und dem Ende des Kommunismus wurde der Turm unter Denkmalschutz gestellt. Von 2016 bis 2018 fanden Renovierungs- und Umgestaltungsmaßnahmen statt, die von dem Architekten Petr Hájek durchgeführt wurden.

Aus dem Wasserturm wurde nun eine Art öffentliches Kulturzentrum des Stadtteils. Im übriggebliebenen Nebengebäude gibt es einen Jugendklub und Konferenzräume. Im Turm selbst befinden sich eine Bibliothek und Ausstellungsräume. Und man kann sogar zu den Öffnungszeiten hinauf auf die Galerie steigen, um die (auf einer Seite halt von Hochhäusern begrenzte) Aussicht zu genießen. Eine mit zierlichen Geländern versehene Treppe führt hinauf, in deren Kern sich ein Foucaultsches Pendel befindet (damit die jungen Menschen dort auch noch etwas über Physik lernen können).

Diesen Kulturstatus hat sich das Gebäude letztlich verdient, denn insbesondere Galerie und Walmdach strahlen Erhabenheit aus. Auf der Fassade prangt das Prager Stadtwappen. Ergänzt wird es durch eine Manifestation des lokalen Stolzes der Stadtregierung auf diesen Bau, nämlich ein großes Stuckmedaillon mit den vergoldeten Lettern OP, was für „Obec Pražská“ (Gemeinde Prag) steht. Das erschließt sich dem ausländischen Besucher nicht direkt.

Ja, und der Wasserturm ist auch ein Denkmal für den ungeheuren technischen, sozialen und wirtschaftlichen Fortschritt, den uns das 19. Jahrhundert erbracht hat. Nicht nur die Wasserversorgung machte verbesserte damals das Leben der Menschen dramatisch. Die Infrastruktur der Städte wurde perfektioniert. Etwa auch durch die Einführung von Gaslampen zur Straßenbeleuchtung (früherer Beitrag hier). Eine ebensolche in historistischem Design gestaltete Leuchte befindet sich auch direkt vor dem Wasserturm. Im 19. Jahrhundert vernachlässigte man die Ästhetik nicht, aber man dachte auch zweckmäßig. So ist die Straßenlaterne ein Multifunktionsgerät, das gleichzeitig als Wasserbrunnen mit Handpumpe nutzbar ist. (DD)

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