Stadtbücherei und mehr

Kaum ein Land tut so viel für seine Belesenheit wie Tschechien. Im Juli 1919 erließ die neugegründete Tschechoslowakische Republik ihr bahnbrechendes Gesetz über die öffentlichen Gemeindebüchereien, das unter anderem vorschrieb, dass jede Gemeinde mit über 400 Einwohnern eine Bücherei für die Bürger betreiben sollte. Und das blieb im wesentlichen bis heute so. Dass man sich bei der Umsetzung dieses Gesetzes in der Hauptstadt selbst nicht lumpen lassen wollte, davon zeugt das imposante Gebäude der Städtischen Bücherei (Městská knihovna) am Mariánské nám. 98/1 (Marienplatz) in der Altstadt.

In den Jahren 1924-1929 erbaute der Architekt František Roith, dem Prag unter anderem auch die Zentrale der Tschechische Nationalbank verdankt (siehe früheren Beitrag hier), das in einem funktionalistisch angehauchten Klassizismus gehaltenen Gebäude. Die sechs klassizistischen Statuen, die über dem Haupteingang der Bücherei stehen – geschaffen von dem Bildhauer Ladislav Kofránek – unterstreichen den klassizistischen Charakter des Bauwerks und geben ihm zugleich eine kulturbeladene Note.

Das dreistöckige, mit 19 Fensterachsen sehr breite Gebäude ist an beiden Seiten durch zwei Risaliten begrenzt. Obenauf thront ein großes Walmdach. Die Statuen stehen auf einer weiten Portikus. Dieses gediegene klassische Äußere verdeckt ein wenig, dass es sich in Wirklichkeit um ein äußerst modernes, ja im Kern avantgardistisches Gebäude handelt, das (wie das direkt nebenan gelegene Neuen Rathaus, das wir hier vorgestellt haben) auf einem Stahlskelett mit sehr viel Beton dazwischen ruht. Auch sonst legte man darauf wert, dass die Bücherei technisch innen modernsten Standards entsprach.

In diesem Gebäude konnte die schon 1891 gegründete Stadtbücherei von Prag, die zuvor unter anderem sehr improvisiert in der Neustädter Kirche des Heiligen Wenzel von Zderaz (früherer Beitrag hier) 1929 endlich einen angemessenen Sitz finden. Und modernen Ansprüchen will man immer noch genügen. Hat man die pompöse Vorhalle (kleines Bild links) über Stufen durchquert, befindet man sich in einer modernen Bibliothek. Der große Büchersaal mit dem vom Maler František Kysela im Art Déco-Stil verzierten Gewölbe strahlt auch immer noch diese modernistische Wirkung aus (großes Bild oben).

Seit der Renovierung von 1996-98 hat sich die Fläche der öffentlichen Bibliothek noch einmal um 900 Quadratmeter erhöht. Die einzelnen Bibliotheken wurden verbunden und das ganze Verleihwesen digitalisiert. Man kann jedenfalls heute kaum mehr glauben, dass man 1891 bei der Gründung stolz war, insgesamt 3000 Bücher im Bestand zu haben. Heute kann man sich in den Filialen alleine rund 43.000 deutschsprachige Titel (inklusive CDs und Zeitschriften) ausleihen, die nur einen Bruchteil der (hauptsächlich tschechischen) Bestände ausmachen.

Bwegen wir uns kurz noch einmal nach draußen. Dort, am linken Risalit des Gebäudes, findet man übrigens eine aus Bronze angefertigte Gedenktafel mit Büste von Vincenc Kramář, ein Werk der bekannten Bildhauerin Vlasta Prachatická , das hier 1988 angebracht wurde. Der Text, der auf eine weitere Rolle des Gebäudes hindeutet, lautet ins Deutsche übersetzt:

„Hier wirkte in den Jahren 1929-1939 der Kunsthistoriker Dr.phil.Vincenc Kramář als Direktor der Gemäldegalerie der Gesellschaft der patriotischen Kunstfreunde und der Staatlichen Sammlung alter Kunst, den Vorreitern der heutigen Nationalgalerie in Prag “.

Das verweist uns gleich darauf, dass diese Bücherei immer mehr sein sollte als eine bloße Bücherei. Kramář, ein bedeutender Kunsttheoretiker und Kenner des Kubismus, übernahm nämlich 1919 die Kunstsammlung der Privat Gesellschaft patriotischer Kunst-Freunde (Společnost vlasteneckých přátel umění), einem Kunstmäzenatenverein der alten Habsburgerzeit. Im Namen der neuen Republik verwaltete er nun die ab 1929 in der Bücherei untergebrachte Sammlung des ehemaligen Vereins und führte sie in den 1930er Jahren der neuen staatlichen Nationalgalerie zu, deren Gründervater er damit wurde. Die betreibt im zweiten Stock (Eingang von der Valentinská) immer noch eine Ausstellungshalle der Nationalgalerie, deren Schwerpunkt auf Ausstellungen moderner Kunst liegt.

Diesem Anspruch, ein über bloßen Büchereibetrieb hinausgehendes Kulturzentrum zu sein, wird auch sonst noch gerecht. Es gibt Vortragssäle und ein großes Kino mit zwei Sälen, wo kostengünstig fremdsprachige oder avantgardistische Filme oder Kinderprogramme gezeigt werden – alles auf hohem Niveau. Dem humanistisch inspirierten Auftrag, Bildung umfassend für jedermann leicht zugänglich zu machen, wird die Bücherei jedenfalls gerecht.

Den macht sie übrigens schon in der Eingangshalle deutlich durch das gigantische Kunstwerk des Bücherturms, genannt Idiom, das 1998 vom dem in Prag lebenden slowakischen Künstler Matej Kren hier installiert wurde. Der über 5 Meter hohe Turm besteht aus mehr als 8000 Büchern. Man kann ins Innere hineinschauen, wo durch raffiniert positionierte Spiegel der Eindruck von Unendlichkeit erweckt wird.

Im ersten Stock (der Eingang befindet sich am rechten Risalit) befindet sich die Residenz des Bürgermeisters (Rezidence primátora), über die wir hier berichteten. Dieses Meisterwerk an Art Déco-Einrichtung ist in der Regel nicht öffentlich zugänglich. (DD)

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