Der Palast, in dem Kafka zur Schule ging

Der Altstädter Ring im Herzen der Stadt kennt keinen Mangel an schönen alten Gebäuden, weshalb er bei Touristen ja auch so außerordentlich beliebt ist. Das Palais Kinský (Palác Kinských) schafft es, selbst in diesem Umfeld als besonders stattlich aufzufallen.

Das Palais wurde in den Jahren 1755 bis 1765 von dem berühmten Architekten Anselmo Lurago (früherer Beitrag hier) im Auftrag von Johann Ernst Wenzel Graf von der Goltz erbaut- weshalb er auch bisweilen Palais Goltz-Kinský genannt wird. Zuvor standen hier mehrere Renaissancehäuser. Von der Goltz verstarb allerdings kurz nach der Fertigstellung des Gebäudes und Witwe verkaufte es an Franz de Paula Fürst Kinský , der sich im Siebenjährigen Krieg als Feldmarschall der österreichischen Armee ausgezeichnet hatte.

Im hinteren Gebäudeteil ließ Graf Kinský einige Erweiterungen anbauen, aber der Gesamteindruck entspricht von außen immer noch dem, was unter von der Goltz erbaut worden war. Es handelt sich im ein typisches Werk des späten Rokoko, das schon ein wenig formstrenger daherkommt als frühere Rokokobauten und bereits Elemente des Klassizismus vorwegnimmt. Die Fassade ist durch zwei Risalite mit zwei gleich großen Eingängen strukturiert. Darüber thronen auf Höhe des Daches einige recht kolossale Skulpturen, die von dem Bildhauer Ignaz Franz Platzer stammen. Sie stellen Themen aus der antiken Mythologie (hier Sänger Orpheus) und Allegorien auf die Kräfte der Natur dar.

Auf Platzers Konto gehen auch die Entwürfe der Stuckdekoration der Fassade zurück. Möglicherweise ließ er sie von dem italienisch-schweizerischen Künstler Santino Bussi ausführen, der es in Wien zum Hofstuckateur (dort z.B wegen seiner Arbeiten am Schloss Belvedere) gebracht hatte und damals zu den europäischen „Stars“ des Gewerbes gehörte. Sie nehmen sich jedenfalls prachtvoll aus. Zuvörderst sind hier die beiden großen Stuckverzierungen der Giebel der Risaltiten zu nennen. Beide Giebel sind mit Motiven der klassischen Mythologie verziert (links oben etwa die Entführung der Europa). Sie harmonieren thematisch mit Platzer Skulpturen weiter oben.

Während in den oberen Etagen die „heidnische“ Antike regiert, wird es weiter unten wird es wieder gehörig christlich. Über den seitlichen Fenstern findet man die Darstellung der Mutter Gottes Maria und des hier abgebildeten katholisch-böhmischen Nationalheiligen Johannes Nepomuk (früherer Beitrag hier) – beides typisch für die Zeit der Gegenreformation. Die polychrome Darstellung mit Goldfassung in sorgsam elaborierten Rokoko-Kartuschen der beiden Darstellungen deuten auf einen hohen künstlerischen und handwerklichen Standard mit Liebe zum Detail hin.

Die Stuckarbeiten wurden in der Zeit des Grafen Kinský nach dem Erwerb des Palais noch einmal überarbeitet und ergänzt. So findet sich nun in der Mitte des Gebäudes über einem Fenster im ersten Stock das Wappen der Grafenfamilie Kinský; drei silberne gekrümmte Wolfszähne auf rotem Grund. Damit wurde klar und deutlich, wem der Palais von nun an gehörte.

Außen und vor allem drinnen gibt es noch viele Erinnerungen an die Geschichtes des Palais‘. Eine Gedenkplatte im Eingangsbereich erinnert zum Beispiel daran, dass hier 1843 die berühmte Friedensaktivistin und Nobelpreisträgerin Bertha von Suttner geboren wurde, die eigentlich eine geborene Gräfin Kinský war (wir werden darüber berichten). 1882 eröffnete im Erdgeschoss Hermann Kafka, der Vater von Franz Kafka sein Galanteriewarengeschäft, das 1896 aber an einen anderen Ort zieht. Der Buchladen, der sich jetzt hier befindet, ehrt immer noch den Namen Kafka. Franz Kafka selbst blieb dem Ort verbunden, denn im Gebäude befand sich zu dieser Zeit auch das Staats-Gymnasium mit deutscher Unterrichtssprache in Prag Altstadt, das Kafka von 1893 bis 1901 (bis zum Abitur) besuchte. Von 1922 bis 1934 befand sich im Palais die Botschaft Polens. Und 1948 soll der stalinistische Gewaltherrscher Klement Gottwald auf dem Balkon des Palais dem Volk seine Machtübernahme verkündet haben, was aber inzwischen von Historikern bezweifelt wird, die meinen, er habe dies von der Ladefläche eine Lastwagen vor dem Palais getan (was irgendwie auch besser zu einem Kommunistenführer passt).

Nachdem man sich 1989 des Kommunismus wieder entledigt hatte, musste kräftig renoviert und restauriert werden, was in den Jahren 1995 bis 2000 geschah. Seither gehört das Gebäude der Nationalgalerie, die hier ihrer Verwaltung hat und Wechselausstellungen organisiert. besucht man eine der interessanten Ausstellung, so kann man nicht mehr viel, aber doch einiges von der einstigen Ausstattung des Palais erahnen, wozu des prachtvolle Treppenhaus (Bild oberhalb) gehört, aber auch vereinzelte Stuckaturen und vor allem noch einige schöne Kachelöfen aus dem 18. und 19. Jahrhundert. (DD)

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