Erlebnismuseum

Dieses Museum macht nicht nur Erwachsene froh, sondern auch Kinder ebenso: Das Museum des städtischen öffentlichen Verkehrs – Depot Střešovice (Muzeum městské hromadné dopravy – Vozovna Střešovice) in Prag 6 in der Patočkova 460/4.

Seit 1993 gibt es dieses Museum. Es befindet sich ganz passend in einem alten (teilweise noch in Betrieb befindlichen) Straßenbahndepot. Das Depot selbst wurde bereits 1991 unter Denkmalschutz gestellt. Von hier aus fahren übrigens auch die bei Touristen beliebten Fahrten mit der berühmten historischen Nostalgie-Straßenbahn der Linie 41 los, die auch für Gruppenevents angemietet werden kann. Wenn sie nicht Touristen herumfährt, wird sie auch gerne für Filmaufnahmen verwendet.

Die Straßenbahn als ältestes öffentliches Verkehrsmittel nimmt in der großräumigen Dauerausstellung dann auch den größten Stellenwert ein. Den Verkehrsbetrieb der Hauptstadt Prag (Dopravní podnik hlavního města Prahy) gibt es seit 1875 und er begann sein Leben als Betreiber einer von Pferden gezogenen Straßenbahn. Die zunächst noch privat betriebene Bahn hatte bis Ende der 1880er Jahre ein Schienennetz von 19. Kilometern. Eine Pferdetram aus dieser Zeit, genauer: aus dem Jahre 1886, ist auch das erste, was den Besucher beim Betreten der Ausstellung begrüßt.

Mit der Elektrifizierung der Tram kam auch die Stunde der städtischen Verkehrssbetriebe, die 1897 (ein Jahr nach Einrichtung der ersten elektrifizierten Strecke) gegründet wurde. Von den unzähligen Schaustücken, die man im Museum aus dieser Blütezeit der Tram beäugen kann, sticht eines ganz besonders hervor: Der sogenannte Oberbürgermeisterwagen (Primátorská tramvaj) aus dem Jahre 1900. Für den Entwurf zu dieser Luxuslimousine auf Schienen hatte der Hersteller, die in Smíchov ansässige Firma des Industriellen Franz Freiherr von Ringhoffer einen der damaligen Stararchitekten und -designer angeheuert, nämlich keinen Geringeren als Jan Kotěra (früherer Beitrag hier), der wie man oben im großen Bild sieht, ein Prachtwerk im Jugendstil schuf. Drinnen gab es keine Bänke oder Stehplätze, sondern gemütliche Stühle/Sessel und Tischchen (kleines Bild oberhalb). Gedacht war sie für Dienstfahrten des Oberbürgermeisters oder Fahrten für sehr prominente Gäste der Stadt. Die Kommunisten werteten sie ein wenig ab. Zwischen 1951 und 1972 transportierte sie Kindergartenkinder und viele schöne Original-Dekorationen verkamen. Zwischen 1983 und 1992 wurde sie aber wieder völlig in den früheren Zustand zurückversetzt und gehört nun zu den Schmuckstücken des Museums.

Die ersten Busse wurden in Prag bereits 1908 versuchsweise auf die Straßen gelassen, aber erst 1925 wurde ein systematisch entwickeltes Busnetz eingeführt, das sich schon bald zu einer tragenden Säule des öffentlichen Verkehrswesens entwickelte. Die ausgestellten Busse spiegeln auch die Zeitläufe der Prager Geschichte wieder, so etwa der mit einem roten Sowjetstern (umrahmt von Flaggen in den Prager Stadtfarben) versehene Bus (Bild rechts) der mährischen Firma Tatra aus dem Jahr 1954, der deutlich an die kommunistische Zeit erinnert.

Viele Busse und Straßenbahn im Museum sind im Original zu sehen. In einige ausgesuchte Trams kann man sogar einsteigen. Die Fülle von Fahrzeugtypen, die seit dem 19. Jahrhundert durch die Straßen der Stadt rollten, würde jedoch das Fassungsvermögen selbst dieses riesengroßen Museums sprengen. Daher sind einige Fahrzeuge nur als Modelle zu sehen, wie etwa der Oberleitungsbus links. Die O-Busse (auch: Trolleybusse) wurden 1936 eingeführt, aber 1972 wieder abgeschafft. Sie galten als nicht mehr zeitgemäß. Heute werden sie in einigen Städten wieder als „ökologische“ Alternative um benzingetriebenen Bus eingeführt. In Prag ist dies aber in nächster Zeit nicht geplant.

Auch andere Dinge, die nicht mehr existieren, sieht man hier noch als Modell. Jeder Tourist kennt die legendäre Standseilbahn Petřín (früherer Beitrag hier), die 1891 eröffnet wurde und noch in Betrieb ist. Vergessen ist, das weiter flussabwärts eine zweite Bahn dieser Art gab, die Letná-Standseilbahn, die damals noch durch Gewichtstarierung angetrieben wurde. Die Letnábahn wurde im selben Jahr wie die Bahn auf den Petřín-Berg eröffnet, allerdings 1916 bereits wieder geschlossen. Anscheinend erwies sie sich nicht als profitabel. Hier im Museum ist sie wieder präsent.

Aspekte wie Verwaltung oder Ticketkontrolle fehlen nicht. Auch über die Technik lernt man viel – etwa über die Motorentechnik oder die Energieversorgung. Das Schienensystem der Straßenbahn der Prager Verkehrsbetriebe wird immer weiter ausgebaut und bedarf auch einer ständigen Ausbesserung, Auch das ist eine technische und logistische Herausforderung, derer sich das Museum ebenfalls widmet. Dieser bullige elektrisierte Zugmotor aus dem Jahre 1952 (Bild links) diente zum Beispiel dem Transport von Schienen zu den Baustellen, an denen sie verlegt werden sollten.

Leider sind alle Beschriftungen nur inTschechisch gehalten, aber eine an der Kasse kostenlos verteilte Broschüre gibt es in unzähligen Sprachen und sie ist in der Tat sehr hilfreich. Nebenbei erfährt man auch viele technische Details von Motorenbau bis Ticketkontrolle. Die Metro kommt ein wenig zu kurz, aber auch hier gibt es viele reizvolle Detailinformationen, etwa über archäologische Funde beim Bau in den 1970er und 80er Jahren. Und: Da Museum der Verkehrsbetriebe ist ein Erlebnismuseum. Nicht in alle Trams kann man voll einsteigen, aber doch zumindest in den Eingangsbereich klettern und hineinschauen. In anderen kann man sogar Platz nehmen. Aber es gibt auch andere (nicht-digitale, sondern handfest mechanische) interaktive „Spielmöglichkeiten“, die gerade von den Jungen genutzt werden (so wie hier von meiner inzwischen doch recht erwachsenen Tochter Charlotte). Jeder kann hier für eine kurze Zeit Tramfahrer werden! (DD)

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