Maria, Sonne und Mond

Die Wiederaufstellung der 1918 zerstörten Mariensäule auf dem Altstädter Ring war, wie wir zuletzt berichteten, seit langem ein historisch-politischer Zankapfel. Vielen Tschechen galt sie als ein Symbol der Fremdherrschaft der Habsburger und der gewaltsamen Rekatholisierung des Landes nach der verlorenen Schlacht  am Weißen Berg von 1620. So ganz falsch war das nicht, denn Anhänger der kaiserlich-katholische Seite nutzten die Säule tatsächlich recht häufig als Symbol ihres Triumphes über die Protestanten. Ein hübsches Beispiel dafür ist das Haus zur Steinernen Säule (dům U Kamenného sloupu) in der Úvoz 160/24 im Burgbezirk unterhalb des Klosters Strahov.

Ursprünglich stand hier etwas oberhalb der Kleinseite ein kleiners Gebäude im Renaissancestil aus dem Jahre 1562, das 1590 auf den heutigen Umfang erweitert wurde. Von diesen früheren Bauphase kann man heute von außen fast nichts mehr erahnen. Denn im Jahre 1697 erwarb der Maler und Architekt Christian Luna das Haus und baute es nach seinem Geschmack im Barockstil um – im Kern so, wie wir es heute sehen. Luna war ganz und gar Parteigänger der Habsburger und der katholischen Sache. Sein berühmtestes Werk war der Bau eines Wallfahrtsorts auf Bílá Hora (dem Schlachtfeld von 1620) mit der Kirche Maria vom Siege (Kostel Panny Marie Vítězné), die den Triumph über die böhmischen Aufständischen feierte und über die wir bereits hier berichteten.

Luna war es, der daher die Mariensäule auf der Mitte der Fassade seines Hauses anbrachte, die ja in Prag als das zentrale und umstrittendste Symbol des Triumphes galt. Das geschah im Zuge einer Bauerweiterung im Jahre 1706 bis 1708. Die Positionierung der von ihm selbst entworfnen Säule ist originell und macht das Haus erst so richtig auffällig. Die Marienstatue wurde übrigens nicht aus Stein gemeißelt, sondern aus Holz und Stuck angefertigt wurde. Die Säule selbst ist aber aus Stein, weshalb die Inschrift auf dem Sockel Lapidea Columna (Steinerne Säule) auch korrekt ist. Es handelt sich bei dem Ganzen nicht um eine exakte Kopie des Werks auf dem Altstädter Ring. Der das von Maria besiegte Böse (die Protestanten und Antihabsburger?) verkörpernde Drache, der hier von Maria niedergetreten wurde, ist meines Erachtens viel putziger und lebensechter gelungen als der auf der Säule auf dem Altstädter Ring (großes Bild oben). Auf jeden Fall ist klar, dass Luna hier ein politisch-religiöses Statement abgab.

Die Anspielung auf die Altstädter Mariensäule wird noch deutlicher, wenn man den kleinen eingelassenen Stuckrahmen unter der Säule sieht. In den Dimensionen entspricht er dem sogenannten Palladium Böhmens, einer Marienikone, die einst dem Heiligen Wenzel, dem Nationalpatron des Landes, gehört hatte. Eine Kopie des Palladiums war auch im Podest unter der Säule des Altstädter Rings deponiert. Leider ist die Malerei auf Lunas Haus in dem kleinen Rahmen seit langer Zeit verschwunden, aber sie stellte wohl eine Nachempfindung der Marienikone des Palladiums dar, was den Bezug zur Säule unten auf dem Altstädter Ring noch einmal vertieft.

Neben der Mariensäule sind es zwei andere skulpturale Elemente, die das Gebäude auffallen lassen, nämlich die an beiden Ecken auf Höhe des ersten Stocks angebrachten Büsten von Mond und Sonne (die entsprechenden lateinischen Beschriftungen lauten Luna und Sol). Beide Büsten wurden wahrscheinlich ungefähr zur gleichen Zeit wie die Mariensäule um 1708 von der Werkstatt des Bildhauers Johann Brokoff angefertigt, der wir auch viele der Statuen auf der Karlsbrücke verdanken. Die Gegenüberstellung der Allegorien von Sonne und Mond waren im Zeitalter des Barock sehr beliebt, wie das Beispiel hier zeigt.

Ob Luna bei der Anbringung der Luna an Luna gedacht hat – ein Wort-Bild-Witz, sozusagen? Das wissen wir nicht. Auf jeden Fall lebten seine Nachfahren hier noch bis 1846. Dann wurde das Haus an einen neuen Besitzer verkauft, der innen einige Änderungen verlasste. Im 20. Jahrhundert wurde im Haus ein Museum mit Bibliothek zu Ehren des berühmten Schriftstellers Jaroslav Vrchlický (wir berichteten über ihn hier) eingerichtet, das hier bis 1953 existierte. Heute wird das Haus auch museal genutzt. Die Josef Sudek Galerie hat hier heute ihren Sitz. Sie ist ein Ableger des Kunstgewerbemuseum (Uměleckoprůmyslové museum; siehe auch hier), der sich dem Werk des berühmten Photographen Josef Sudek widmet. (DD)

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