Maria als Zankapfel

Dass eine Mariendarstellung über ein Jahrhundert lang ein politischer Zankapfel sein kann, der die Gemüter zur Wallung bringt, kommt nicht oft vor – ist doch die konfessionelle Spaltung Europas früherer Jahrhunderte durch den Geist der Ökumene gebändigt worden. Aber die Prager Mariensäule (Mariánský sloup) auf dem Altstädter Ring (Staroměstské náměstí) hat sich ihren Status als Zankapfel bewahren können. Nach langen und heftigen Streitereien darf sie seit diesem Sommer wieder den Platz schmücken.

An diesem Fall kann man das Auf und Ab der Geschichte des Landes hautnah studieren. Ursprünglich wurde sie am 22. Juni 1650 auf Geheiß von Kaiser Ferdinand III., einem Habsburger, hier aufgestellt. Einer der berühmtesten böhmischen Bildhauer der Zeit, Johann Georg Bendl, hatte sie entworfen und künstlerisch sehr gelungen gestaltet. Zwei Jahre zuvor wurde der Dreissigjährige Krieg, der ja 1618 von Prag ausgegangen war, beendet. Noch ganz zum Schluss, 1648, hatten die Schweden erfolglos versucht, die Stadt einzunehmen und wurden zurückgeschlagen. Die Statue auf der Säule sollte dies feiern. Soweit, so gut, und auch nicht ungewöhnlich.

Aber irgendetwas war schon anders. Um es zu verstehen, beginne man mit der lateinischen Inschrift auf dem Sockel, der auf Deutsch etwa lautet: „Der ohne Makel der Erbsünde empfangenen jungfräulichen Gottesmutter errichtete der Kaiser aus frommem und gerechtem Dank für die Verteidigung und Befreiung der Stadt dieses Standbild.“ Ja, die Verteidigung gegen die Schweden war etwas, dass man durchaus ungeteilt feiern konnte. Aber die Befreiung? Jetzt kommt die Position der Säule ins Spiel. Die Maria, die eine geflügelte Drachengestalt als Symbol des Bösen niedertritt, schaut genau auf jene Stelle des Platzes, die heute mit 27 Kreuzen markiert ist – den Ort der brutalen Hinrichtung der Anführer des Böhmischen Ständeaufstandes von 1618, die im Juni 1621 stattfand. Mit diesem Aufstand wollten die Repräsentanten Böhmens die Freiheit des Landes vor den absolutistischen Bestrebungen des Habsburgers Ferdinand II. schützen. Das leitete zunächst den Dreissigjährigen Krieg und danach eine Periode der religiösen Unfreiheit und den Verlust der staatlichen Eigenständigkeit Böhmens ein, die durch das blutige Spektakel der Hinrichtungen eingeleitet wurde..

Als „Temno“ – die Finsternis – bezeichnete die nationale Geschichtsschreibung später diese Zeit. Man nahm – wohl nicht ganz ohne Grund – an, dass Maria hier die zuvor freien Böhmen und die Protestanten als „Monster“ niedertritt und sich an dem Anblick des Hinrichtungsortes die Augen weidet. Und noch lange Zeit wurden auch andernorts in Böhmen Mariensäulen errichtet, die dem Muster der Säule auf dem Altstädter Ring im wesentlichen folgten, und die immer auch als Loyalitätsbezeugung zum Herrscherhaus galten – wie etwa diese hübsche, im Jahr 1813 entstandene Mariensäule (kleines Bild oberhalb) vor dem Rathaus im Stadttteil Dolní Počernice.

Diese Sicht, die Säule als bloße Herrschaftslegitimierung zu betrachten, greift insgesamt natürlich zu kurz und mag überzogen sein. Säulen dieses an für sich „unpolitischen“ Typus gab es ja auch außerhalb des Habsburgerreichs. Und tatsächlich war später die Säule eher ein Ort der genuinen Volksfrömmigkeit statt der triumphalistischen Rachsucht. Wie hoch die Emotionen aber trotzdem gingen, zeigte sich noch im Juni 2019 – am Jahrestag der Hinrichtungen der Aufständischen – bei einer Demonstration, bei der die Teilnehmer Schilder mit Namen der Hingerichteten hochhielten und statt der Wiedererrichtung der Mariensäule ein Denkmal für die Opfer forderten.

Die Mariensäule war ja schon am 31. Oktober 1918 vom Platz verschwunden. Drei Tage zuvor hatte die Tschechoslowakei ihre Unabhängigkeit vom Habsburgerreich erklärt. Auf dem Altstädter Ring fanden riesige Freudendemonstrationen statt. Jetzt marschierten sozialistische Aktivisten unter der Führung des Arbeiterschriftstellers František „Franta“ Sauer (der angeblich, inzwischen wohl fromm geworden, seine Tat 1947 auf dem Totenbett bereute) zur Mariensäule und zerstörten sie nach einigen kleineren Rangeleien mit katholischen Gläubigen. Nur Fragmente (kleines Bild links) konnten noch gerettet werden, die dann im Lapidarium, der Steinskulptursammlung des Nationalmuseums, landeten. Den Kopf der Maria fand man noch 1957 in einem Prager Antiquitätenladen. Bürgerliche Politiker der jungen Republik unterstützten den Abbruch offziell nicht, äußerten aber im Nachhinein Verständnis. Präsident Tomáš Garrigue Masaryk fasste die Reaktion zusammen, als er meinte, eigentlich sei es gut, dass die Mariensäule verschwunden sei, weil „die Statue für uns eine politische Demütigung war.“

Und niemand dachte später daran, die Säule wieder aufzurichten – weder die Republik, noch die Nazis und schon gar nicht die staatsatheistischen Kommunisten. Die Diskussion darüber wurde erst wieder möglich, als 1989 der Kommunismus fiel und Demokratie samt Meinungsfreiheit Einzug hielten. Im April 1990 wurde in Prag die Gesellschaft für die Wiedererrichtung der Mariensäule (Společnost pro obnovu Mariánského sloupu na Staroměstském náměstí v Praze) mit immerhin rund 500 Mitgliedern gegründet, die emsig und beharrlich für den Wiederaufbau agitierte. Sie konnte darauf hinweisen, dass die religiösen Grabenkämpfe, die zur Zerstörung führten, überwunden sei, die Säule aber aus stadt- und denkmalpflegerischen Gründen einfach an ihren Platz auf dem Altstädter Ring gehörte.

Und dafür gab es gute Gründe. Einer war eher unpolitisch. Auf dem Platz befindet sich eine berühmte Sehenswürdigkeit, nämlich der Prager Meridian (wir berichteten hier), der eigentlich als Zeitmesser die Mittagsstunde anzeigen sollte, und zwar wenn der Schatten der Spitze der Säule genau darauf fiel. Kurz: Seit 1918 war der Meridian zwar die ganze Zeit da, aber in Sachen Zeitbestimmung doch irgendwie nutzlos. Auf dem Bild links, das während der Aufbauarbeiten für die Säule im April 2020 entstanden ist, sieht man, wie sich das gerade ändert. Der bronzene Meridian läuft zentral auf den Sockel der Säule hin.

Aber es gibt auch einen geschichtspolitisch relevanteren Grund, den man anführen kann, und der vielleicht sogar diejenigen überzeugen konnte, die die Mariensäule als ein Symbol von Unterdrückung und Schande sahen. Denn es hatte schon einmal eine subtile Art des Protestes gegen die Säule gegeben, als diese noch stand, nämlich das Denkmal für Jan Hus, dem Frühreformator der Tschechen, der 1415 auf dem Konzil von Konstanz den Märtyrertod starb (wir berichteten hier). Zu seinem 500. Todestag wurde 1915 das gigantische, ja überdimensionierte (Gegen-) Denkmal des Bildhauers Ladislav Šaloun von tschechischen Nationalisten und unter dem Missmut der Obrigkeit errichtet. Der überlebensgroße Hus blickte damals grimmig die Säule mit der Maria an, die wiederum triumphierend die Hinrichtungsstätte von 1621 anschaute. Nach der Zerstörung der Mariensäule schaute Hus ins Leere und im Grunde war damit auch ein historisches Geflecht von Aktion, Reaktion und Gegenreaktion zerstört. Mit dem Wiederaufbau de Säule konnten nun historische Sinnzusammenhänge wieder sichtbar werden. Und Jan Hus hat, wie man oberhalb rechts sieht, wieder etwas, das er böse anschauen kann. Hus und Maria bedingen irgendwie einander…

Treibende Kraft der Bewegung zur Wiederaufstellung wurde der Bildhauer Petr Váňa, der 1997 damit begann, in Eigeninitiative eine genaue Replik der Mariensäule herzustellen, die dann am Originalort aufgestellt werden sollte. Anträge für eine Genehmigung zur Aufstellung lehnte der Rat wegen massiver Protest lange Zeit ab. Váňa blieb hartnäckig und machte mit großen PR-Aktionen – er ließ unter anderem die fertige Säule auf einem Boot die Moldau hinauffahren – sein Anliegen publik. 2013 genehmigte der Rat die Aufstellung zwar aus Gründen der Stadtbildpflege, aber das Ordnungsamt weigerte sich lange, die zum Aufbau des bereits fertigen Denkmals nötige Absperrung zu genehmigen. 2017 kippte eine neue Ratmehrheit die Genehmigung. 2019 versuchte darob Váňa, die Säule illegal in einer Art „Guerilla-Aktion“ aufzustellen, woran ihn die Polizei aber hinderte. Schließlich kam im Januar 2020 wieder eine Genehmigung (weil sonst das Ganze endgültig zur Posse geworden wäre), die dann auch durchgesetzt wurde.

Dem war übrigens ein versöhnliches und sehr ökumenisch gedachtes Signal vorausgegangen. Die nach den Hinrichtungen von 1621 zwangskatholisierte (und heute immer noch kaltholische) Teynkirche, die neben dem Denkmal steht, und die zuvor den Hussiten gehörte, wurde 2018 wieder mit dem hussitischen Symbol des Kelchs an der Fassade versehen – ein Akt der Versöhnung und vielleicht auch der Abbitte seitens der katholischen Kirche. So wurde endlich ein Klima vorbereitet, in dem nicht mehr ererbte nationale oder religiöse Konflikte, sondern denkmalpflegerische und städtebauliche Aspekte die Oberhand behielten. Kurz: Am 4. Juni 2020 konnten Váňa und seine Mitstreiter den Abschluss der Aufstellung der Mariensäule vermelden.

Noch einige Worte zur Gestaltung der Säule selbst: Die Säule steht auf einem Sockel, der wiederum auf einem fast tischförmigen Podest ruht. In dem freien Raum darunter befand sich ursprünglich die Kopie eines Marienbildes aus Stará Boleslav, das einst dem böhmischen Nationalheiligen Wenzel gehörte und als Palladium Böhmens bekannt ist – als Schutzheiligtum des Landes. Dadurch wurde eine geschickte Verbindung des durch die Säule symbolisierten Herrschaftsanspruchs der Habsburger und der politisch-religiösen Traditionen der Tschechen erreicht. Tatsächlich trug das Marienbild dazu bei, viele Prager mit der Säule zu versöhnen und zum Gegenstand von Völksfrömmigkeit zu machen. Man hat nun keine genaue Kopie, aber doch eine Marienikone hier wieder eingefügt – geschützt durch ein vergoldetes Gitter.

Was zur Zeit noch nicht wieder aufgebaut ist, sind die vier überlebensgroßen Statuen, die auf den Pfeilern des unteren Podests standen, und die die vier Kardinaltugenden repräsentierten, die mit Schwert oder Lanze das Böse bekämpfen (ein Fragment sieht man bei dem Bild vor dem Lapidarium weiter oben). Eine von ihnen wurde 1757 bei der Belagerung Prags durch die Preußen durch eine Kanonkugel zerstört und erst 1858 durch den Bildhauer Josef Edgar Böhm wiederhergestellt. Se harren noch der Aufstellung. (DD)

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