Georg und mehr ….

Der Heilige Georg, der Märtyrer aus dem 3. Jahrhundert und Drachentöter, war (obwohl selbst kein Böhme, sondern Kappadokier aus dem Gebiet der heutigen Türkei) bei den Tschechen stets populär. Die ihm geweihte Kirche in der Prager Burg (siehe hier) war die erste Grablege der böhmischen Herrscher im Mittelalter. Und der Legende nach wurde das Land Böhmen in grauer Vorzeit von einem Georgsberg aus besiedelt. Der Heilige hat fast so etwas wie den Status eines Landespatrons.

Das mögen oder mögen auch nicht die Gründe gewesen sein, warum die Erbauer des großen, an eine gewaltige Ritterburg erinnernden, vierstöckigen Wohnhauses in der Pařížská 97/15 ( an der Ecke der ul. Široká) auf der Höhe des dritten Stock beim Eckerker diese riesige und opulent gestaltete Statue des gerade den Drachen mit einem Schwert erschlagenden Georgs anbrachten. Denn nur so kann man erklären, wie sich der römische Heilige in das eigentlich böhmisch nationale Grundthema des Hauses und seiner Fassade einfügt.

Das Haus steht auf den Gebiet des ehemaligen jüdischen Ghettos in Josefov (Prag 1), das nach dem Toleranzpatent von 1782 und der Judenemanzipation von 1848, die Juden das Recht auf freie Wohnortswahl gaben, sich allmählich auflöste und nach 1893 zur Luxuslage im Stile von Paris umgestaltet wurde. Entsprechend modern und reich statteten der Architekt Jiří Justich der Baumeister Matěj Blecha das neue Gebäude in den Jahren 1905/06. Es entstand ein opulenter und wuchtiger Prachtbau der Belle Époque!

Die Fassaden ließen die Erbauer reich mit skulpturalen Elementen ausstatten, wovon der Heilige Georg in seiner römischen Offiziersrüstung nur ein Beispiel ist. Als Resultat entstand ein mit Zinnen und Erkern geziertes Meisterwerk eines historistisch aufgefassten Jugendstils. Die Skulpturen sind ein Werk des Bildhauers Karel Novák,der immerhin ein Schüler des Bildhauers Josef Václav Myslbek war, dem wir unter anderem die große Reiterstatue des Heiligen Wenzel auf dem Wenzelsplatz verdanken.

Über einem der Fenster auf Höhe des vierten Stocks befindet sich ein Stuckbanner mit der Aufschrift „1621“. Dies erinnert zweifellos an ein Schicksalsereignis, die Hinrichtung der 27 Anführer des Böhmischen Ständeaufstands am 21. Juni 1621, die sich der Habsburgerherrschaft widersetzt hatten. Mit der Hinrichtung begann die sogenannte Epoche des Temno – der Finsternis – in Böhmen, verbunden mit dem Verlust der Unabhängigkeit und der brutalen Zwangskatholisierung. Für den in der Zeit der Errichtung des Hauses in der Pařížská blühenden tschechischen Nationalismus war das Datum ein Symbol. Und es war im gehobenen tschechischen Bürgertum üblich, nationale Symbolik auch an privaten Wohnhäusern anzubringen.

Auf Höhe des Schriftzugs befinden sich zahlreiche mittelalterlich anmutende Wappen. Man könnte annehmen, dass es vielleicht die Wappen der Hingerichteten von 1621 seien, aber dafür habe ich in Stichproben kein Indiz gefunden. Für Hinweise in dieser Sache bin ich dankbar. Jedenfalls unterstreichen die Wappen den historistischen Charakter der Architektur des Hauses.

Deutlicher wird die Botschaft beim Haupteingangstor. Oben im Tympanon befinden sich zwei hussitische Krieger (Bild oberhalb links). Die Hussiten – Anhänger des spätmittelalterlichen tschechischen Frühreformators Jan Hus, die für ihr Land und ihre Glaubensfreiheit kämpften – waren stets ein zentraler Baustein der Nationalmythologie der Tschechen. Sie dürfen bei einem solchen Haus nicht fehlen, das hier den großen historischen Bogen spannt – von der Symbolfigur des Georg über die Hussiten hin zur Anklage gegen die Schrecken des Habsburgertums von 1621. Und das alles im anheimelnden spätgotisch angehauchten Stil…

Wie so viele Häuser, die zu Ende des 19. Jahrhunderts oder dem Beginn des 20. Jahrhunderts gebaut wurden (früheres Beispiel hier), erzählt auch dieses hier also ein nationalhistorisches Narrativ. (DD)

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