Theater mit wechselhafter Geschichte

Prag ist eine Stadt der Theater und der lebendigen Theaterkultur. Da viele der heutigen Stadtteile früher selbständige Städte waren, die über eigene große Theater verfügten (Beispiel hier), zeichnet sich das Theaterleben durch eine geradezu flächendeckende Vielfalt aus.

Ein Beispiel findet sich im nördlichen Stadtteil Libeň (Prag 8), nämlich das Divadlo pod Palmovkou (Palmovka Theater) in der Zenklova 566/34. Es ist benannt nach einem ehemaligen Weingut Palmovka auf einem Hügel, an dessen Fuß das Theater liegt. Von außen sieht man dem funktionalistischen Gebäude seine frühere Geschichte nicht an. Drinnen finden sich jedoch noch viele Spuren davon.

Zurückverfolgen lässt sich das Theater bis in die 1860er Jahre als hier eine Truppe von Amateurschauspielern unter dem Namen U Deutschů in einem Gasthaus ihr Quartier fand. 1892 erfolgte eine Vergrößerung durch Einrichtung eines Tanzsaales und schon 1899 erwarb das Ganze ein gewisser Václav Romováček, der zugleich Architekt war, und der hier 1903 ein Hotel baute und zugleich den Theatersaal abriss und durch einen größeren ersetzte. Mit 495 Sitz- und 400 Stehplätzen konnte sich das Theater mit den größten in Prag durchaus messen.

Nach einigen weiteren Besitzerwechseln erwarb die damals überaus bekannte Schauspielerin und Sängerin Mařenka Zieglerová 1907 das Theater, das sie nach sich selbst benannte, und 1908 mit der Lustigen Witwe eröffnete. Dafür hatte die Schauspielerin das Theater wieder – diesmal um eine Musikbühne – erweitern lassen. Das stärkte den künsterischen Ruf des Theaters, aber Zieglerová war sehr bald finanziell überfordert und schon 1909 wurde das Theater unter einem neuem Besitzer als Lidové divadlo Praha VIII (Volkstheater Prag 8) eröffnet, das aber ebenfalls in finanzielle Schwierigkeiten geriet. In der Ersten Republik erwarb dann die Sozialdemokratische Partei das Haus und richtete hier erst einmal ein großes Kino ein. Erst später gab es ab und an Theateraufführungen, meist wieder von Amateurgruppen. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde es wieder vollumfänglich als Theater etabliert, wozu im Jahre 1949 größere Umbauten erfolgten. Als Městské a oblastní divadlo (Städtisches und Regionales Theater) fungierte es nun.

Nach dem Ende des Kommunismus gab man dem Theater 1990 den Namen, den es heute trägt: Divadlo pod Palmovkou. Es folgten größere Umbauetn und Renovierungen. Die Fassade wurde 1997 modernisiert, 2004/2005 wurde der Eingangsbereich erneuert, das Theatercafé neu gestaltet und eine zusätzliche Kleinkunstbühne etabliert. Dadurch erkennt man zunächst kaum, dass es sich im Kern immer noch um das von Václav Romováček erbaute Gebäude handelt. Das erkennt man aber immer noch im großen Theatersaal selbst, wo noch viel von der ursprünglichen Jugendstilstukatur zu bewundern ist.

Das Theater bietet heute handfeste Inszenierungen von bewährten Klassikern von Sophokles bis Agatha Christie, lässt aber ab und an avantgardistische Autoren und Inszenierungen in den Spielplan einfließen. 2019 fanden hier auch erstmals Aufführungen der Deutschen Theatertage statt. (DD)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s