Um 31 Meter verschoben

Eine offenkundig barocke Kirche, die aber so seltsam auf einem recht neuen steinverkleideten Betonsockel steht – das kann eigentlich nicht der originale Zustand gewesen sein. Und richtig: Als sie ursprünglich gebaut wurde, stand sie woanders und schon gar nicht auf Beton. Dahinter steckt eine gewaltige technische Leistung.

Zurück zum Anfang: Die Kapelle der Heiligen Maria Magdalena (Kaple svaté Máří Magdaleny) am heutigen Edvard-Beneš-Ufer (Nábřeží Edvarda Beneše 337/8) im Stadtteil Holešovice entstand 1635. Sie war das Werk des aus Italien stammenden Architekten Giovanni Domenico de Barifis, der auch sonst etliche Spuren in Prag hinterlassen hat. Er baute sie im Auftrag des Probstes Chrysostomus Trembský für den im 13. Jahrhundert von der böhmischen Nationalheiligen Agnes von Böhmen gegründeten Ritterorden der Kreuzherren mit dem roten Stern. Der Orden besaß an dieser Stelle des Ufers auch Ländereien, insbesondere einen Weinberg.

Die Moldau war damals noch nicht so stark von von Uferbefestigungen eingemauert und das Wasser floß längst nicht so träge daher, wie es das heute tut, wo nur noch Touristenboote gemächlich auf- und abschippern. Daher war die Kapelle nicht nur als Außenposten der Klosterökonomie gedacht, sondern auch als Gebetsstätte für die Schiffer und Flößer (siehe auch hier), die hier Gott danken konnten, dass sie nicht von den gefährlichen Wogen und Stromschnellen des Flusses verschlungen worden waren.

Aber sie war eben dennoch Klosterbesitz und der wurde 1784 unausweichlich Ziel der berühmten/berüchtigten Kirchenreformen von Kaiser Joseph II., die in diesem Falle nichts weiter als Auflösung und Enteignung bedeuteten. Von nun an fristete die kleine Barockkapelle ihr Dasein als Lagerhaus. Zu Beginn des 20. Jahrhundert entwickelte sich allerdings eine höhere kulturelle Sensibilität in solchen Dingen und die Kapelle wurde deshalb renoviert und 1908 der Altkatholischen Kirche übertragen. Die recht kleine Gemeinde hatte in der Kapelle mit ihren rund 30 Sitzmöglichkeiten Platz genug, um sie als Gemeindekirche zu nutzen. Aber dieses Glück für die Kapelle und ihre Gemeinde drohte 1956 dramatisch zu Ende zu gehen.

Zu dieser Zeit baute man das Ufer mit einer großen Straße aus, veränderte die Ausfahrt der direkt daneben befindlichen Čech-Brücke (Čechův most) und plante oben auf dem Hügel das große Stalin Denkmal, das zwar im Zuge der Entstalinisierung 1962 wieder abgerissen wurde, das aber große landschaftliche Veränderungen mit sich brachte. Kurz: Die Kapelle stand im Wege. Sie sollte abgerissen werden. Doch da kam in letzter Sekunde der Retter in der Not! Der als Spezialist für Brückenbau bekannte Architekt und Konstrukteur Stanislav Bechyně hatte einen genialen Plan entwickelt, wie man das Gebäude retten konnte, ohne die Bauprojekte am Moldauufer zu beeinträchtigen.

In der Nacht vom 3. zum 4. Februar 1956 wurde die Kapelle mittels großer Maschinen in einem Stück um 31 Meter von ihren ursprünglichen Ort auf Schienen stromaufwärts transportiert und auf den vorher errichteten Betonsockel gestellt. Dazu mussten unter anderem die Mauern verstärkt und ein Betonsockel untergelegt werden, damit sie den Erschütterungen des Transports standhalten konnten. Das war ein kleines Meisterwerk der Ingenieurskunst. Und deshalb sieht die Kapelle der Heiligen Maria Magdalena heute so aus, wie sie aussieht, und steht da, wo sie steht.

Zum Gebäude selbst: Es handelt sich um eine elliptische Rotunde, deren Außenfassade regelmäßig durch große, rustifizierte Pilaster strukturiert ist. Das flache Pyramidendach wird von einem vierseitigen kleinen Glockenturm gekrönt. Sie wirkt für eine Barockkapelle recht schlicht; die Umrahmungen der weit oben liegenden Fenster stellen das einzige größere Schmuckelement dar. Der „bunte Fleck“ der Kapelle ist das in ein altes Quadrilob, in das ein moderner Maler Das wahre Bild Christi – auch vera ikon genannt – gefasst, d.h. das Bild Christi auf dem Schweißtuch der Veronika. Christus ist dabei von vier böhmischen Heiligen umgeben, von denen der Nationalheilige Wenzel an der Spitze oben steht.

Innen soll es eine kleine Galerie und durchaus üppige Stuckarbeiten an der Decke geben. Die bunten Fenster, die nur von innen gut erkennbar sich, sind das Werk von Alena Novotná-Gutfreund (der Tochter des berühmten kubistischen Bildhauers Otto Gutfreund) und stellen Episoden aus der im wahrsten Sinne des Wortes bewegten Geschichte der Kapelle dar – von den betenden Flößern bis zum Transport über 31 Meter. Zu sehen bekommen die durchaus zahlreichen Touristen, die ihren Weg hierhin finden, das Innere in der Regel allerdings nicht, da die Kapelle nur für Gottesdienste öffnet. Theoretisch könnte ein Guckloch in der Tür ein wenig Abhilfe schaffen, aber das ist von beiden Seiten so verschmutzt, dass man nur das erkennt, was man auf dem hier eher spaßeshalber präsentierten Bild links sieht. Man kann das zum Anreiz nehmen, noch einmal vorbeizukommen, wenn die Kirche geöffnet ist. (DD)

2 Gedanken zu “Um 31 Meter verschoben

  1. Das erinnert auch daran, dass mit Joseph II. Schluss war mit einem „Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation“. Römisch war es schon langesagt nicht, und viel länger seit Phillip Augustus und Heinrich VIII. war geläufig dass Enteignung von Kirchen und Kloster die Kassen füllt. Und auch die Umnutzung von Kirchen in Lagerhäuser brauchte Stalin nicht zu erfinden

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