Nachtleben am Ufer – auf höherem Niveau

Lange Zeit hatte man das Tourismus und Freizeit-Potential der Uferbefestigungen in Prag nicht erkannt. Diese Zeiten sind passé. Im Gegenteil: Mit der Eröffnung der ironisch Kobky (Gefängniszellen) genannten Bars und Galerien hat das Nacht- und Tagleben dort begonnen, eine höhere Niveaustufe zu erreichen.

Im Jahr 1839 hatte man mit der Planung einer echten Ufermauer begonnen, deren erster Abschnitt (das heutige Smetana-Ufer) in den Jahren 1841 bis 1845 fertiggestellt wurde. Es folgten weitere, insbesondere das sich bis zum Vyšehrad-Tunnel hinziehende Rašín-Ufer, das zwischen 1875 und 1904 entstand. Das ermöglichte den Aufstieg der boomenden Handelsschifffahrt und schützte die Stadt gegen die Fluten.

Ja, das Ganze wurde mit allerlei skulpturaler Ausschmückung und dem rustifizierten Mauerwerk so gestaltet, dass es optisch zu den teueren Wohnhäusern mit Burgblick passte, die jetzt am Ufer emporzusprießen begannen. Aber letztlich handelte es sich um Nutzarchitektur. Sie sollte nicht nur Schutz vor Hochwasser bieten. Hier wurden Schiffe ein- und ausgeladen. Mit viele Lärm und viel Dreck. Die heute pittoresk anmutenden gemauerten Halbbögen waren damals eher Lagerräume oder gar olfaktorisch unschöne Kanalisationsausflüsse, denn erst 1906 wurde das erste Klärwerk in Prag eröffnet.

Die Tage der Frachtschifffahrt sind lange vorbei. Und auch die Abwässer der Stadt finden heute andere, die Umwelt schonendere Wege. Nur Ausflugdampfer und Fähren legten noch an. Auf der breiten Promenade konnte man zweifellos seit langem schön wandern und die Aussicht auf Burg und Stadt genießen, aber irgendwie bot sie selbst nicht viel. Erst 2007 – als selbst in ansonsten eher zurückgebliebenen Orten wie Berlin schon jahrelang Strandbars an der Spree existierten -, begann man, die Uferbefestigung als echte Promenade auszubauen. Dann ging es Schlag auf Schlag: Boote mit Ausschank begannen zu ankern, schließlich sogar richtiggehende schwimmende Brauereien – wir berichteten hier und hier. Wein- und Bierfeste mit hochwertigen Angeboten verschönern seither manch schönen Sommerabend (Beispiele hier und hier). Daneben gibt es tagsüber Bauernmärkte mit heimischen landwirtschaftlichen Produkten.

Die Kobky, von denen hier die Rede ist, sind die neuste Entwicklung und ein halbes Dutzend von ihnen gibt es bereits am Rašín Ufer (Rašínovo nábřeží) und an der gegenüber liegenden Oberen Uferstraße (Hořejší nábřeží) existieren sogar ganze acht von ihnen. Mit ihrem Bau wurde 2019 begonnen; erst mit dem Abflauen der Corona-Panik wurden sie jetzt im Sommer eröffnet. Beim Publikum scheinen sie anzukommen.

Mit ihnen zieht nach den Ständen und Bootsbetrieben so etwas wie eine fest installierte und gebaute Gastronomie am Ufer ein. Dazu nützt man die oben erwähnten großen Tunnelgewölbe, die dereinst als Kanalausfluss oder Lager ihr Leben fristen mussten. Sie wurden nun in einem Guss umgestaltet. Der Eingang wurde jeweils mit Stahlbeton so verändert. das eine große, um eineVertikalachse drehbare Glastüre eingesetzt werden konnte. Das sieht nicht nur atemberaubend schick aus, sondern ermöglicht im Sommer den vollen Einzug von Frischluft, aber im Winter Schutz vor Wind und Kälte – ohne dabei die tolle Aussicht auf Fluss und Burg zu stören. Von außen sehen sie ein wenig wie überdimensionierte Augen aus (großes Bild oben).

Die riesigen drehbaren Glasscheiben wurden von der amerikanischen Firma Reynolds durch deren thailändischen Ableger hergestellt. Die gehört zu den weltweit führenden Unternehmen avantgardistischer Glasarchitektur. Die fertigen Gläser mit ihrer elliptischen Form messen an der breitesten Stelle 5,4 Meter und wiegen satte 2,5 Tonnen! Es war eine lange Reise bis zu diesem Ort! Sie mussten per Schiff über die Ozeane zum Hamburger Hafen gebracht und dann Elbe und Moldau hinauf nach Prag geschippert werden.

Und drinnen ist wiederum jedes Kobek anders gestaltet. Die Grundidee der Kobky ähnelt der früherer Künstler-Cafés. In der Tat sind viele von ihnen eine Kombination von Bar und Galerie – mit Ausstellungen und Soiréen. Einige von Ihnen bieten auch kleine Musikabende an, oft mit lokalen Jazzbands. Es sind noch weitere Kobky geplant.

Hinter dem ganzen steht ein wenig die Absicht der Prager Stadtregierung, dem Tourismus in Sachen Niveau auf die Sprünge zu helfen. Die bisherige Ufergastronomie lockte viele „Sauftouristen“ an, die sich schnell und billig volllaufen lassen wollten und es anschließend ein wenig an Haltung vermissen ließen. Wegen der vielen Glasscherben auf dem Kaiboden, die sich extrem unschön machten, schenkten die Gastronomen selbst ihre besten Bierprodukte in – horribile dictu! – Plastikbechern ein. In den Kobky gibt es gepflegte Cocktails und man hofft auf ein Publikum, dessen Alkoholpegel nicht zerstörerische Ausmaße annimmt. Mal sehen, ob die Rechnung aufgeht! Zumindest ergibt die Sache wohl wirtschaftlich Sinn, denn nun ist die Gastronomie am Ufer saisonunabhängiger und winterfester geworden. (DD)

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