Humanist ohne Sektiererei

Der europäische Humanismus – hatte der nicht seine Wiege in Italien? Oder zumindest in Westeuropa? Dass ausgerechnet das heutige Weißrussland einen frühen der großen Vertreter des Humanismus hervorgebracht hat, wissen nur die wenigsten Menschen im Westen.

Auf Francysk Skaryna (bisweilen auch Skoryna geschrieben) kommt man nur, wenn man die Straßenbahn im Burgbezirk kurz nach der Burg verlässt und den kleinen Park bei der Jelení 196/15 (Prag 1, Hradčany) aufsucht, wo etwas verloren und einsam sein Denkmal steht.

Der war Pionier der Druckkunst und veröffentlichte im Jahre 1517 – also in dem Jahr, als Martin Luther mit den 95 Thesen die Reformation startete – die erste Bibel in der Region, die nicht im offiziellen Kirchenslawisch geschrieben war, sondern sich der ortsüblichen aktuellen Sprache, des Altweißrussischen bediente. Das war revolutionäre Volkstheologie. Sein Nachruhm lebt hauptsächlich aus ebendieser Übersetzung der Bibel in eine moderne Sprache weiter, aber darin erschöpfte sich sein Talent bei weitem nicht.

Er war viel in der Welt herumgekommen, hatte in Polen an der Krakauer Universität studiert und machte 1512 sogar in Padua sein Diplom. Irgendwann war er als Orthodoxer zum Katholizismus konvertiert, publizierte aber weiterhin für ein orthodoxes Publikum. Enge Sektiererei lag ihm fern. Tatsächlich reklamieren beide Konfessionen ihn heutzutage für sich und die Experten streiten immer noch, was er denn in Wirklichkeit eigentlich so religiös vertreten habe.

1522 gründete er in Vilnius (heute Litauen) seine erste Druckerei, deren Bücher als ästhetisch besonders sorgfältig gemacht galten und heute gesuchte bibliophile Raritäten sind. Darunter waren vor allem viele Schriften zur religiösen Erbauung, aber auch Reiseberichte und ähnliches. In den 1530er Jahren versuchte er, sein Geschäft nach Moskau zu erweitern, was aber zum Misserfolg wurde. 1532 arbeite er wieder in Vilnius, diesmal als Arzt und als Berater des örtlichen Bischofs.

Und dann, um 1534, verschlug es ihn nach Prag, weshalb wir hier auch sein Denkmal sehen. In den Königlichen Gärten bei der Burg bewies er sein Talent als Chefbotaniker für Kaiser Ferdinand I.. Es heißt, er habe auch als Professor an der Karlsuniversität gelehrt. Und in Prag starb er auch um 1552.

Im Oktober 1996 stellte man hier am Jelení (Hirschgraben) bei den Königlichen Gärten eine Statue zu seinen Ehren auf. Die rund 2.30 Meter große Figur wurde von dem weißrussischen Bildhauer Eduard Astafiev erstellt. Die Beschriftung ist in Kyrillisch gehalten – inklusive der aufgeschlagenen Bibel, die der Gelehrte in den Händen hält. Deshalb steht am Wegesrand eine kleine Tafel, die auf Tschechisch besagt: „An diesen Orten arbeitete er als königlicher Botaniker, ein bedeutender weißrussischer Humanist, Gründer des ostslawischen Buchdrucks Francisk Skorina (Francišak Skaryna)“ (DD)

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