Durchgestylte Residenz für den Bürgermeister

Wenn man eine in Architektur und Interieur gegossene Zelebration der Unabhängigkeit der Ersten Tschechoslowakischen Republik bewundern will, dann sollte man versuchen, sich vom Oberbügermeister in dessen Residenz (Rezidence primátora) – etwa zu einem Festakt – einladen zu lassen.

Die Prager Stadt-Versicherungs-Gesellschaft (Pražská městská pojišťovna) , über die wir bereits hier berichteten, schenkte die in das Gebäude der Großen Stadtbibliothek (Mariánské náměstí 1/98 in Prag 1) baulich von außen kaum unterscheidbar integrierte Residenz der Moldaumetropole, um damit das 60. Jubiläum ihrer Gründung gebührend wohltätig zu feiern. In den Jahren 1925 bis 1928 (gerade zurecht, um auch noch gleich den 10. Jahrestag der Republik zu feiern) erbaute der Architekt František Roith, dem wir unter anderem auch das Gebäude der Nationalbank verdanken, die Residenz direkt unmittelbar neben dem Neuen Rathaus.

Der Bürgermeister hatte also nicht weit zu gehen, wenn er von der Residenz ins Rathaus gehen wollte. Allerdings wurden die Räumlichkeiten überhaupt nur von dem 1919 bis 1937 amtierenden Oberbürgermeister Karel Baxa tatsächlich als Residenz im Sinne von Dienstwohnung genutzt. Ansonsten nutzt der Bürgermeister das Gebäude nur dienstlich bei Festakten, Empfängen, Kulturveranstaltungen oder Konferenzen zu denen er einlädt oder deren Schirmherr er ist – wobei er dann die Gäste meist in der Großen Empfangshalle (kleines Bild oberhalb rechts) begrüßt.

Das ganze Gebäude sollte die Modernität ausstrahlen, die die Republik verkörperte. Es handelt sich folglich um eines der frühesten öffentlichen Gebäude, die im Stil des Funktionalismus gebaut wurden, wobei man diese allerdings mit einer klassizistischen Formensprache kombinierte. DIe Vorderfront wird eigentlich von dem Haupteingang zur Stadtbibliothek dominiert und man betritt die Residenz nur über einen gesonderten Eingang an der Ostseite. Ab dem ersten Stock erstrecken sich die repräsentativen Räume der Residenz über die ganze Front. Von innen wirken daurch die acht klassizistischen Statuen des Bildhauers Ladislav Kofránek, die das Portal der Bibliothek schmücken, wie ein Teil der Residenz.

Innen in der Residenz herrscht ein gediegener und auf würdige Pracht bedachter Art Dèco-Stil vor. Das ganze ist konsequent „durchgestylt“ und wirkt auch heute noch so, denn gottlob ist das komplette Original-Interieur (selbst die Vorhänge!) erhalten geblieben. Angesichts der Zeitläufe – Naziherrschaft, Kommunismus seien genannt – ist das fast schon ein Wunder. Alleine die Möbel – meist aus zu den Wandpanelen passendem Holz hergestellt – könnten eine eigene Galerie füllen.

Schon, wenn man den Eingangsbereich betritt, beeindruckt einen das Treppenhaus, das mit einem noch im Original erhaltenen Aufzug im Innenkern verbunden ist. Vor den getönten Fenstern ergibt das einen enormen visulellen Effekt. Die Liftkultur war übrigens damals anscheinend viel luxuriöser als heute. Der Lift verfügt über ein kleines, mit dicken Lederpolstern gezogenes Sitzsofa. Das bereitet auf geradezu grandiose Art auf den Rest des Gebäudes vor. Die Erwartungen, die nun gehegt sind, werden nicht enttäuscht.

Es gibt natürlich für Gäste etliche Salons – übrigens damals noch strikt nach Damen und Herren getrennt. Besondere Gäste werden zum Diner eingeladen. Dafür gibt es einen Speisesaal, dessen Möbiliär mit der oben im großen Bild abgebildeten Porzellanfigur eines weiblichen Aktes mit blauem Band geschmückt ist. Sie stammt von der in ihrer Zeit als eifrige Republikanerin und Frauenrechtlerin bekannten Bildhauerin Helena Johnová. Und hoch über der Tafel hängt das Gemälde „Überfluss“ (Hojnost) des Malers Jaroslav Malínský, das nicht nur die Gäste auf die üppigen Tafelfreuden einstimmen soll, sondern auch auf das eigentliche Streben des öffentlichen Amtes hinweisen, den Wohlstand der Menschen zu mehren.

Womit wir bei den politischen Botschaften sind, die sich überall mal mehr, aber meist etwas weniger aufdringlich (aber stets stilistisch passend) überall verstreut finden. DIe drehen sich zum einen natürlich um die Stadt Prag selbst. Das in Stein gemeißelte Wappen Prags in der Empfangshalle ist nur ein Beipiel. Es wurde in einem recht vorsichtig angedeutet modernen, aber sehr repräsentativen Stil von dem Bildhauer und Architekten Karel Štipl erschaffen,

Ebenfalls Prag zum Thema hat der opulente Wandteppich im Herrensalon. Er ist das Werk des Malers, Textildesigners und Bildhauers František Kysela. Der damals überaus berühmte Künstler hat seine allegorische Darstellung „Prag – Mutter aller Städte“ (Praha matka měst) ein wenig dem Stil frühneuzeitlicher Gobelins nachempfunden. Der Teppich wurde hier um 1930 aufgehängt.

Im Empfangsaal kommt aber auch ein „überstädtisches“ Thema zum Tragen, das dem Stadtrepräsentanten gerade bei der Eröffnung am Jahrestag der Republikgründung besonders am Hwerzen liegen musste – die Unabhängigkeit und Freiheit der Republik!

Auf den Bronzegittern ,die die beiden Heizungen abdecken, sind jeweils vier kleine Statuen (ebenfalls aus Bronze) angebracht, die Bürger aus allen Schichten und Berufsgruppen fröhlich beim Erwirtschaften des gemeisamen Volkswohlstands zeigen – welch ein Fortschritt gegenüber den früheren Zeiten, als man noch vom Kaiser unterjocht wurde! Der Bauarbeiter, den wir etwas oberhalb links sehen, arbeitet jedenfalls mit Inbrunst für die Republik.

Nun ja, bei alledem muss der Prager Stadt-Versicherungsgesellschaft geradezu schwindlig geworden sein, wie sehr sie nun ihre Gemeinwohlorientierung über den Profit stellte, als sie die schöne Residenz des Oberbürgermeisters der Öffentlichkeit schenkte. Deswegen durfte ein wenig Schleichwerbung in eigener Sache sein. So darf auch ein Versicherungsangestellter frohgemut auftreten. Den Namen der Stadtversicherung ( městská pojišťovna) kann man als Reklamebeitrag über dem Türeingang, aus dem der hochmotivierte Mitarbeiter kommt, gut erkennen.

Nun aber zum Highlight republikanischen Freiheitspathos`, das man auf der Rückwand der Empfangshalle findet, dort wo meist das Rednerpult steht. Zentral auf einem Sockel steht die Büste des Gründungspräsidenten und der moralischen Autorität der Republik, Tomáš Garrigue Masaryk. Die Büste, die wir heute sehen, wurde von dem Bildhauer Antonín Lhota erschaffen. Die ursprünglich hier platzierte Masaryk-Büste (urspr. Beutler, Nazis) war ein Werk des Medailleurs und Bildhauers Miroslav Beutler. Die wurde aber von den Nazis, die natürlich den liberalen und menschlichen Masaryk und sein Andenken nicht mochten, während der Protektoratszeit eingeschmolzen.

Übersehen haben die Nazis allerdings die beiden links und rechts darüber vor Fenstergittern positionierten bronzenen allegorischen Figurengruppen, die in zwei Bildern fast alles zusammenfassen, was man über das nationale Geschichtsverständnis der Ersten Republik wissen muss. Das Schwert für die Hinrichtung hält der Henker bereit, so sieht man es auf der ersten Gruppe. Die allegorisch dargestellte Bohemia – ihrer Krone beraubt, aber mutig gefasst – ist das kommende Opfer. Eine weibliche Trauerallegorie beweint sie und ihr Schicksal. Darunter die Lettern „1621“… Das bezieht sich auf die Hinrichtung der 27 Rädelsführer des Böhmischen Ständeaufstandes von 1618, dessen Scheitern die Unabhängigkeit und Freiheit Böhmens beseitigte und für Jahrhunderte die Habsburgerherrschaft festigte (früherer Beitrag hier). Die Bluttat leitete für alle patriotischen Tschechen die „Temno“ (Finsternis) genannte Zeit ein.

Und dann „1918“. Die Unabhängigkeit ist da. Ein mit einem Gewehr bewaffneter Legionär, der auf Seiten der Alliierten gegen Habsburg und die Mittelmächte gekämpft haben mag (früherer Beitrag hier), steht zum Schutz der Republik bereit. In der Mite ist Bohemia wiedererstanden und sie wird von einer Allegorie der Freiheit (mit phrygischer Freiheitsmütze) wieder gekrönt. Die Schmach der Geschichte ist getilgt, die Republik gegründet! Dieser an die Grenzen des Kitsches gehende Pathos geht letztlich doch unter die Haut. Möglicherweise – ich konnte es noch nicht verifizeren – sind die beiden Statuenbilder ebenfalls, wie die ursprüngliche Masaryk-Büste, ein Werk von Miroslav Beutler.

Wer von soviel Pathos geschafft ist, kann sich ein wenig Ruhe verschaffen im Wintergarten, der wunderschön hell und licht gestaltet ist. Ausgeschmückt ist er mit zwei geradezu klassisch im Stil des Art Dèco gehaltenen weiblichen Statuen bei einem plätschernden Brunnen (leider abgeschaltet, als ich zugegen war). Die Skulpturen sind ein Werk des Bildhauers Ladislav Beneš. Eine geschmackvoll eingerichtete Oase der Ruhe in einem beeindruckenden Gebäude. (DD)

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