Wo Bürokraten Paternoster fahren

Als Prag Ende des 19. Jahrhunderts zu einer veritablen modernen Großstadt wurde, reichte das bisherige Rathaus in der Altstadt, das im Kern immer noch aus dem Mittelalter stammte, nicht mehr aus.

Ein neues Gebäude musste her, in dem die vielen neuen Aufgaben der Verwaltung der Stadt von eifrigen Bürokraten erledigt werden konnten. Von 1909 bis 1911 erbaute man ganz in der Nähe, am Mariánské náměstí (Marienplatz) das Neue Rathaus, (Nová radnice). Die Entwürfe dazu stammten von dem berühmten Jugendstilarchitekten Osvald Polívka (frühere Beiträge u.a. hierhier und hier) und für die Ausführung sorgte der Baumeister František Tichna.

Bei der Ausstattung ließ man sich nicht lumpen. Das betraf schon einmal die Größe. 250 Büros auf 7.463 qm Fläche. Die Planer von damals haben das Wachstum der städtischen Bürokratie in den kommenden Zeiten bereits im Blick gehabt. War am Anfang mehr oder minder nur die Finanzverwaltung dort tätig, ist das Gebäude seit 1945 der Sitz der gesamten Hauptstadtverwaltung samt dem Amtsitz des Bürgermeisters. Eine zeitlang war das Neue Rathaus das größte Gebäuder Altstadt.

Und dann betraf das natürlich auch die Ausstattung. Neben dem berühmten Architekten Polívka heuerte man auch noch drei der prominentesten Bildhauer der Zeit an, damit sie die Fassade gestalteten: Stanislav Sucharda, Josef Mařatka und Ladislav Šaloun. Von letzterem stammen die wohl berühmtesten „Wahrzeichen“ des Rathauses, die Statue des Eisernen Ritters und und die des Rabbi Löw – über beide berichteten wir hier. Von Sucharda stammt wiederum die Allegorie auf die Arbeit neben dem Haupteingang (kleines Bild oberhalb links), die – wie die Statuen von Šaloun – im symbolistischen Stil gehalten sind.

Von Stanislav Sucharda stammt ebenfalls die kleine Allegorie auf die Stadt Prag – eine Mädchengestalt, die das Wappen der Stadt beschützend mit den Händen festhält. Sie befindet sich oberhalb des Balkoneingangs auf Höhe des zweiten Stockwerks. Auch sie ist ein Werk im Stile des Symbolismus, den man sehr häufig in Kombination mit Jugendstilhäusern findet.

Einen gewissen Gegenpol dazu bieten die großen Statuen von Josef Mařatka, die sich an barocke Vorbilder anlehnen, aber schon Spuren des in der Zeit aufkommenden primitivistischen Klassizismus aufweisen. Überhaupt hatte sich der Architekt bei dem Gebäude vorgenommen, Stilregeln bisweilen zu brechen, aber trotzdem Gegensätze wieder zu versöhnen. Jedenfalls verbinden sich beim Neuen Rathaus handwerkliches Können mit tiefer Kenntnisse von traditionellen Stilen, die man aus „Sezessionist“ und Jugendstilkünstler zugleich überwinden will.

Wiederum reinen Jugendstil findet man bei den großen Fenstern der Eingangshalle, deren Wirkung sich optisch natürlich erst entfalten, wenn man diese Eingangshalle betreten hat. Florale Themen – im Jugendstil sehr beliebt! – dominieren hier das Feld. Ansonsten sind (mit Ausnahme des Ratssaales, den ich noch nicht besichtigen konnte) die Bürobereiche stark modernisiert und der heutigen Bedürfnissen angepasst.

Darüber könnte man fast übersehen, dass das Gebäude damals auch technisch auf dem neuesten Stand war. Es ruht fast vollständig auf einer Stahlkonstruktion – heute eine Selbstverständlichkeit, aber damals eine technische Innovation.

Desgleichen gilt auch für die Beförderung von Personen in die oberen Stockwerke. Das neue Rathaus gehörte zu den ersten Gebäuden in Prag, das sich im Jahre 1911 statt eines klassischen Aufzuges einen Paternoster der heimischen Firma Jan Prokopec einbauen ließ, der für viele Besucher des Rathauses bis heute die eigentliche Sensation des Ganzen ist. Auch für die Bürokraten, die drinnen ihren sauren Pflichten nachgehen, dürfte die Fahrt mit dem Paternoster eine kleine Aufhellung ihres ansonsten grauen Alltags sein. (DD)

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