Die Uhr geht rückwärts

Schon 1541 wird erstmals ein Rathaus als Sitz der Selbstverwaltung der Jüdischen Gemeinde in Prag erwähnt. Damals existierte noch das Ghetto in der Josefstadt neben der Altstadt. 1577 ließ der Gemeindevorsteher Mordechai Maisel das Gebäude im Renaissancestil umbauen.

1689 verwüstete ein großes Feuer große Teile derAltstadt und zerstörte dabei auch das Jüdische Rathaus. Man ließ es an gleicher Stelle von dem Architekten Paul Ignaz Bayer im Barockstil neubauen, nur um es 1754 als einen Raub der Flammen zu sehen. Der Architekt Josef Schwanitzer baute in den Jahren 1763-56 ein neues Barockgebäude, das im wesentlichem dem entspricht, was wir heute hier in der Maiselova 250/18 sehen.

Das zweistöckige Eckgebäude, das direkt neben der Altneu-Synagoge (früherer Beitrag hier) steht, entspricht von außen architektonisch im Kern dem, was man in Prag an Barockpalais‘ häufiger zu sehen bekommt. Der Unterschied liegt zunächst einmal in den jüdischen Ornamenten, die in die barocke Stuckatur eingeflochten ist.

Aber man sollte dann doch einmal den Blick nach oben wagen. Der Turm oberhalb des Eckerkers ist in der Tat eine Besonderheit – und zwar nicht nur architektonisch. An ihm befinden sich zwei normale Turmuhren, doch davor befindet sich eine dritte Uhr. Die hat ein Zifferblatt mit hebräischen Ziffern. Und weil man hebräisch nicht von links nach rechts, sondern umgekehrt liest, geht das Uhrwerk auch andersherum (man könnte sagen: gegen den Uhrzeigersinn). Das Kuriose dabei ist, dass alle drei Uhren – egal wie herum sie sich drehen – von ein und demselben Uhrwerk angetrieben werden.

Da kann man viel Symbolik hineinlesen und für poetische Seelen kann es als Inspiration dienen. Der französische Dichter Guillaume Apollinaire, der einen Hang zum Surrealen hatte, beschrieb die Uhrzeiger 1902 und machte die Uhr damit quasi unsterblich: „Les aiguilles de l’horloge du quartier juif vont à rebours et tu recules aussi dans ta vie lentement.“ (Die Zeiger der Uhr im jüdischen Viertel gehen rückwärts und Sie gehen auch langsam in Ihrem Leben zurück).

Ach ja, im späten 19. Jahrhundert – das Ghetto gab es nach der Judenemanzipation nicht mehr – wurde die Umgebung in einer Art Prachtboulevard nach Pariser Art umbebaut. Viele alte Gebäude verschwanden und nur mit Mühe konnte verhindert werden, dass dem Ganzen auch das Jüdische Rathaus zum Opfer fiel.

Das Jüdische Rathaus blieb also, was es war: Der Sitz der jüdischen Gemeindeverwaltung. Auch heute noch. Und drinnen befinden daher sich etliche schön gestaltete Säle. Einer davon beinhaltete auch ein Rabbinatsgericht. Und weil ein Gericht nun einmal ein Gericht ist, galt im 19. Jahrhundert auch hier die Vorschrift, das an der Wand hinter dem Richtersitz ein Portrait des Kaisers hängen müsse. Da sich Kaiser Franz Josef um die rechtliche Gleichstellung der Religionsgemeinschaften sehr verdient gemacht hatte, fügte man sich dem auch gerne. Als die Tschechoslowakei 1918 sich vom Habsburgerreich löste, hing man allerdings das nunmehr zur neuen Republik nicht passende Portrait ab.

Nach dem Ende des Kommunismus fand man, das hier nun ein dem prachtvoll mit Holz vertäfelten Saal des Rathauses unwürdiges optisches Loch entstanden war. Nun hängt an früherer Stelle wieder ein Portrait des alten Kaisers, wenngleich auch nicht das damalige Original, sondern eines, das den Verdacht aufkommen lässt, es sei mit hintersinnigem Humor gemalt. Das macht die Sache aber noch sympathischer. (DD)

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