Wein – echt tschechisch!

Prag – die Stadt der Weinberge. Einer davon liegt schon weit außerhalb der abgenutzten Touristenpfade. Die recht idyllischen Ortskerne der beiden umgebenden nördlichen Prager Stadtteile Vysočany und Prosek (Prag 9) sind von vielen Plattenbauten aus kommunistischer Zeit überlagert. Um so authentischer und genuin tschechischer ist der Weingenuss, der einen hier ganz überraschend im Weinberg Máchalka (Vinice Máchalka) erwartet.

Hier geht es gemütlich nach einheimischer Art zu. Das hat etwas mit der Geschichte des Weinbergs zu tun. „Zu den Himmlischen Bergen“ (Na nebeských horách) nennt man den Hügel, an dem schon seit dem 12. Jahrhundert Wein angebaut wurde, und der damals mit der in der Nähe gelegenen romanischen Kirche des Heiligen Wenzel von Prosek (Kostel sv. Václava na Proseku) verbunden war.

Das ist vorbei, denn in den Jahren des Kommunismus wurde der Weinberg enteignet. Da Wein ja irgendwie ein nicht-proletarisches Getränk zu sein scheint, beschlossen die Kommunisten auch gleich noch, den Weinberg zu zerstören und stattdessen Obstbäume zu pflanzen. Die rote Barbarei hatte 1989 ihr Ende. Und 1996 regte sich bei den Bewohnern der Umgebung wieder Bürgersinn und Weinliebe. Sie gründeten – ganz traditionell unter dem Namen des Heiligen Wenzel – eine freiwillige Winzergenossenschaft als Bürgerverein (Vinařské družstvo sv. Václav).

Dann beschlossen sie, den Weinberg wiederherzustellen und nach dem letzten Besitzer, einem gewissen Josef Máchal, zu benennen. Die Verwaltung des Stadtteils 9 half mit, so dass seit dem Jahr 2000 hier wieder Weinreben wachsen und sich ein eigener Genpool gebildet hat. 1,9 Hektar beträgt die Fläche des Areals. Zur Zeit wird sie gerade noch erweitert.

Für die nur selten von Touristen heimgesuchten Einheimischen ist der durch Bürgertugend wiedererstandene Weinberg zugleich eine Art sozialer und geselliger Treffpunkt. Hier trifft man sich zum Weinschoppen (der Ausschank im Weinberg ist an mehreren Tagen der Woche geöffnet) und immer wieder finden Weinfeste, Unterhaltungs- und Kulturveranstaltungen statt.

Es werden mehrere Weinsorten hier angebaut und angeboten – vom Riesling über den Ruhländer zum Blauportugieser. Im Herbst gibt es herrlichen Burčák, wie man den Federweißen bzw. -roten hier nennt. Und das ist auch die Zeit der Weinfeste in ganz Prag (frühere Beiträge hier und hier). Während die überall sonst in de Stadt einen Tag lang dauern, feiern die Leute hier in Prosek gleich drei Tage lang mit Wein, Bratwurst und (meist lokalen) Musikbands. Die Stimmung ist relaxed. Es ist wie ein großes Familienfest. Als wir im letzten September hier waren, waren wir wahrscheinlich die einzigen Nicht-Tschechen. Solche Orte entdeckt man wohl nur, wenn man schon länger in Prag lebt. Und sie sind es, die die Stadt so unglaublich liebenswert machen. (DD)

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