Einäugige Kultfigur

Der Mann war nicht nur einer der bedeutenden Kriegshelden der böhmischen Geschichte, sondern er wurde mittlerweile auch das, was man eine „Kultfigur“ nennt. Die Rede ist von Jan Žižka von Trocnov, meist nur Jan Žižka genannt.

Heute vor 600 Jahren, am 14. Juni 1420, errang er vor den Toren von Prag bei der Schlacht am Vítkovberg seinen ersten großen Sieg. Žižka war ein Anhänger des großen Frühreformators Jan Hus. Der eckte mit seiner Kritik an den damals wohl tatsächlich kritikwürdigen Verhältnissen in der katholischen Kirche so an, dass die ihn auf dem Konzil von Konstanz 1415 einfach als Ketzer verbrennen ließ, obwohl ihm Kaiser Sigismund Schutz und freies Geleit versprochen hatte. Der Justizmord löste Trotzreaktionen bei den Böhmen aus, bei denen das Hussitentum immer mehr Zulauf gewann, was 1419 zum Ausbruch der Hussitenkriege führte, die bis 1436 das Land verwüsteten. Eigentlich hätte die katholisch-kaiserliche Seite, deren Einmarsch in Böhmen vom Papst zum Kreuzzug erklärt worden war, ein leichtes Spiel haben müssen. Doch dann kam die Schlacht am Vítkov (Veitsberg)…

Die anmarschierenden Kreuzügler waren zahlenmäßig weit überlegen und Profis – Söldner und aristokratische Heerführer. Obwohl ihnen kein großes Heer zur Verfügung stand, verweigerten die Prager trotzdem die bedingslose Kapitulation. Stattdessen errichtete der nun mit der Verteidigung der Stadtbeauftragte Žižka Bastionen auf dem Vítkovberg (im heute nach ihm benannten Stadtteil Žižkov), um die Kreuzzügler abzuwehren. Nur eine Handvoll getreuer Kämpfer und während der Schlacht noch einige hinzukommende Bauern mit Dreschflegeln und Frauen, die die Eindringlinge mit Steinen bewarfen, reichten, um das feindliche Heer (dessen Größe die Chroniken wohl etwas übertrieben mit 30.000 Mann beziffern) in die Flucht zu schlagen.

Die Kreuzügler hatten sowohl das steile Terrain, das schwerer Kavallerie mit Rüstung das Leben schwer machte, als auch das taktische Geschick Žižkas unterschätzt. Der war nicht nur gottesgläubiger Hussit, sondern auch eine echte Kämpfernatur. Schon mit 11 Jahren hatte er bei einem Kampf ein Auge verloren. Alle zu Lebzeiten überlieferten und später hinzugekommenen Portraits zeigen ihn mit Augenklappe (siehe Bild oberhalb links; eine Büste auf der Fassade des Hauses in der Nuselská 1418/51, Prag 4, ca. 1905). Von seinem Erfolg mit der Kampfkraft „einfacher Bürger“ beflügelt, organisierte er nun – ganz im Sinne der egalitären und recht demokratischen Ideale des Hussitentums – eine professionalisierte, meritokratisch organisierte (Offiziere wurden ob ihrer Fähigkeiten berufen, nicht ihres Standes wegen), zu schnellen Manövern fähige (Einsatz von Wagenburgen) und waffentechnisch moderne (erstmals leichte Handfeuerwaffen!) Armee.

Die kassierte in den nun folgenden Schlachten, wie die von Sudoměř 1420, bis zu seinem Tod 1424 keine Niederlagen. Und auch seine Nachfolger blieben am Schluss fast immer siegreich. Mit dem Erwachen der tschechischen Nationalbewegung im 19. Jahrhundert bis zur Unabhängigkeit der Tschechoslowakischen Republik im Jahre 1918 und auch darüber hinaus – bis hin selbst zur Kommunistenherrschaft – wurde der wackere Kämpe zum wahren Nationalsymbol von weitreichender geschichtspolitischer Bedeutung stilisiert. Die auf den kleinen Bildern weiter oben gezeigte große Reiterstatue Žižkas, die vor dem großen Nationaldenkmal auf dem Vítkov steht, zeugt von dieser mit Pathos aufgeladenen Verehrung (früherer Beitrag hier).

Aber das soll uns jetzt nicht so interessieren. Denn der alte Žižka war ja in seinen Tagen schon so etwas wie ein religiöser und politischer „Revoluzzer“. Und der Stadtteil Žižkov unterhalb des Schlachtorts gelegen, der nach ihm benannt wurde, gilt als eher rebellisch und als Heim der Alternativszene. Und die „Szene“ von Žižkov hat Žižka zu ihrer Kultfigur erhoben. Man sieht es oberhalb links, wo ein keulenschwingendes, als Žižka verkleidetes Kindergartenkind mit kleinem Fahrrad und Kinderhelm die Fassade einer Szenekneipe schmückt. Manche Bewohner betrachten ihren Stadtteil sowieso als „Freie Republik“, was im Volksmund die eigentlich korrekte Bezeichnung für Žižkov ist. Das erinnert ein wenig daran, dass die radikaleren unter den Hussiten ja 1420 rund 70 Kilometer südlich von Prag in der Stadt Tábor ebenfalls ihre freie Republik gründeten.

Jedenfalls bei Plakaten für Szenefesten mir Rockmusik ist das das Konterfei des alten Žižka auf Plakaten immer mit dabei. Das mit der Augenklappe ist ja auch irgendwie cool! Und dazu passt auch die Außenwandmalerei eines Tattoo-Studios am Fuße des Vítkov, die wir auf den großen Bild oben sehen. Da ist der kultige Hussitenkrieger schon fast zum Fantasy-Helden mutiert. (DD)

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