Historistische Inszenierung

In dieses Mietshaus hat man alles, was es an dekorativen Elementen nur geben kann, hineingepackt. Skulpturen, Malereien, Sgraffiti, Stuckornamente. Im Jahre 1903 baute der Architekt Gustav Papež hier in der Vinohradská 1233/22 (Ecke Italská) in Prag 2 so etwas wie das archetypische Kunstwerk des (böhmischen) Historismus. Das zeigt sich auch bei den bildlichen Darstellungen, die auf den Entwürfen des damals wohl bekanntesten Historienmalers in Böhmen, Mikoláš Aleš, basieren, über den wir schon hier, hier und hier berichteten. Die Erbauer haben sich das Haus sicher etwas kosten lassen!

Obwohl es seinen Proportionen nach zu urteilen sichtlich ein Werk der Moderne ist und dem profanen Zweck der Vermietung von Wohnungen (heute auch Büros) in einer aufstrebenden Industriestadt dient, wurde es als eine einzige Huldigung der großen Zeit der Gotik unter Karl IV. und seinen Nachfolgern, insbesondere dem Jagellonenkönig Vladislav II., inszeniert. Für den aufkommenden Nationalstolz der Tschechen in der Jahrhundertwende war dies nämlich die Epoche, als ihr Land die erste und vielleicht sogar bedeutendste Blüte der Kultur durchlebte.

Und deshalb finden sich auch die großen Künstler, die in dieser Zeit in Prag lebten und wirkten, auf der opulenten Fassade wieder. Man sieht dort die von Aleš im Stil mittelalterlicher Buchmalereien gehaltenen Portraits des Baumeister Matthias von Arras (siehe großes Bild oben) und Peter Parler (kleines Bild rechts), die beide dem Veitsdom seine hochgotische Gestalt gaben. Aber auch der spätgotische Architekt Benedikt Ried und der zeitgenössische Bildhauer Matěj Rejsek geben sich ihr gleichermaßen gestaltetes Stelldichein.

In deren Stil, der sogenannten Jagellonengotik, sind auch die Fensterumrahmungen aus weißem Stuck und vor allem die üppigen Erker gehalten, vor allem der in einen Turm einmündende Eck-Erker. Da dieser spätgotische Stil des frühen 15. Jahrhunderts schon deutlich in den Renaissance überging, passt sich das Gebäude insgesamt auch gut in die Neorenaissance-Architektur der unmittelbaren Umgebung ein.

Wasserspeier in Drachenform, zwei lebensgroße Erkerstatuen des Heiligen Wenzel und des Reformators Magister Jan Hus sowie vielerlei ornamentale Malereien runden das Bild dieses ungewöhnlichen Hauses ab.

Und über den Fenstern des vierten Stocks steht in hübscher schnörkelig-antikisierender Schrift – eingerahmt von einer mittelalterlichen Dame und einem mittealterlichen Herrn – der Spruch: „Kdo zde bude přebývati, ruč mu Pán Bůh požehnati“, was in Deutsch etwa heißt, „Wer hier wohnen wird, den segne der Herrgott.“ (DD)

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