Wo der Verräter wohnte

Vor 77 Jahren, am 27. Mai 1942, fand in Prag-Libeň das Attentat auf eine der finstersten Führungsfiguren des Dritten Reiches statt, den stellvertetenden Reichsprotektor von Böhmen und Mähren Reinhard Heydrich, der 8 Tage später seinen Verletzungen erlag.

Ausgeführt hatten das Attentat (Operation Anthropoid) aus England eingeflogene tschechoslowakische Fallschirmjäger, von denen es etliche Gruppen im Lande gab, die daran arbeiteten, das Attentat zu planen und den Widerstand gegen die Nazis im Lande mit aufzubauen. Einer dieser Fallschirmjäger war Karel Čurda. Er sollte seinen Mitstreitern zum Verhängnis werden.

Warum Čurda, dessen Namen in Tschechien zum Symbol des Verrätertums wurde, seine Kameraden an die Gestapo verriet, ist immer noch heiß diskutiert. Die gängige Erklärung ist, dass er aus Angst handelte, weil nach dem Attentat immer mehr Mitbeteiligte des Widerstandes verhaftet wurden, um dann meist samt ihrer Familien ausgelöscht zu werden. Die Nazis machten Ernst. Er hatte mitbekommen, wie die Nazis aus Rache für das Attentat die Bevölkerung der Dörfer Lidice und Ležáky ausgelöscht hatten. Und: Wer rechtzeitig – auch als Beteiligter – Tathinweise gab, konnte ungestraft davon kommen. Zudem hatten die Nazis eine hohe Belohnung versprochen (die er übrigens nie vollumfänglich ausgehändigt bekam).

Wie dem auch sei: Er meldete sich beim Hauptquartier der Gestapo in Prag und verriet einige der Familien, bei denen seine früheren Mitstreiter sicheren Unterschlupf fanden. So entdeckte die Gestapo das Versteck der Widerstandskämpfer in der Krypta der Kirche St. Kyrill und Method (früherer Beitrag hier), darunter die eigentlichen Attentäter Jan Kubiš und Jozef Gabčík. Nach einem langen Feuergefecht fanden sie alle ihren Märtyrertod für die Freiheit des Landes.

Die Gestapo bedankte sich bei Čurda und verschaffte ihm sicherheitshalber eine neue Identität als „Karl Jerhot“. Er heiratete eine deutsche Frau und bekam von den Nazis in der heutigen Francouzská 77/8 in Vinohrady (Prag 2) eine große moderne Wohnung spendiert. Er arbeitete weiterhin als Spitzel, aber mit immer geringerem Erfolg, da er immer mehr zum schweren Alkoholiker wurde. Nach dem Ende des Krieges verhaftete die Polizei ihn umgehend. Am 29. April 1947 wurde er im Gefängnis von Pankrác durch den Strang hingerichtet. Seine Frau wurde nach Österreich ausgewiesen.

An dem Haus in Vinohrady, wo er seine Zeit als Kollaborateur Karl Jerhot verbrachte, erinnert nichts mehr daran – wer möchte schon gerne in einem Haus mit beschädigtem Ruf leben und auch noch dauernd daran erinnert werden? Im Erdgeschoss befindet sich ein wohlsortierter kleiner Lebensmittelladen, der 24 Stunden offen hat und ob seiner hohen Qualität ebenfalls kein Negativimage bekommen sollte. So bleibt das Wissen um dieses Kapitel der Geschichte des Hauses zurecht etwas, das historisch Versierten, die spezielle Reiseführer nutzen, vorbehalten bleibt. Bei dem Haus handelt es sich um einen fünfstöckigen Mietsblock. Er wurde 1937/38 von dem Architekten Stanislav Brázda im damals modernen strengen funktionalistischen Stil erbaut. Es war also ein sehr neues und modernes Haus, in das „Jerhot“ damals einzog, und es dürfte allerlei Komfort geboten haben (Elektrizität, fließend Wasser etc.), den seinerzeit nicht jedes Haus in Prag bot. (DD)

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