Keine Burgfrauen

Wenn man eigentlich gar nichts über die Geschichte einer alten Burgruine weiß, lädt das dazu ein, Legenden frei zu erfinden. 1884 erfand der böhmische Dichter Jaroslav Vrchlický (früherer Beitrag hier) in seinem Theaterstück Noc na Karlštejně (Eine Nacht in Karlštejn) die Geschichte, dass Kaiser Karl IV. allen Frauen das Betreten seiner großen Königsburg Karlštejn grundsätzlich verboten hatte. Das war natürlich völliger Unsinn – nur erdacht, um komödiantische Verwicklungen in Gang zu setzen.

Trotzdem verbreitete sich bald das Gerücht, dass die Frauen damals tatsächlich „draußenbleiben“ mussten und stattdessen in der rund 20 Kilometer von Prag entfernten und heute fast völlig verschwundenen Ruine Hrad Karlík (Burg Karlík) untergebracht wurden. Die zu Fuß heute bequem in etwas über einer Stunde von Karlštejn erreichbare Burg liegt in einem Wald auf einem Berg versteckt. Die Größe des Areals lässt sich noch abschätzen. Soviel ist dann klar: Der Kaiser hätte mit den adligen Damen schweren Ärger gekriegt, wenn er ernstlich versucht hätte, sie in dieses kleine Gebäude zu packen – und auch noch weit entfernt vom Luxus der Burg Karlštejn.

Und tatsächlich behauptet kein Wissenschaftler, dass Vrchlickýs Idee irgendetwas mit der realen Geschichte der Burg Karlík zu tun habe. Aber was weiß der Wissenschaftler denn überhaupt? Ehrlich gesagt: Herzlich wenig. Man weiß nicht einmal genau, ob die kleine gotische Burganlage aus dem 14. Jahrhundert tatsächlich von Karl IV. erbaut wurde. Möglicherweise geschah das auch erst unter seinem Sohn Wenzel IV., der von 1363 bis 1419 in Böhmen regierte. Quellen erwähnen, dass sie 1422 bereits verlassen war. Die gängige Hypothese ist, dass die in den Hussitenkriegen zerstört wurde, die in Wenzels letztem Lebensjahr begannen. Dafür könnte sprechen, dass in der Nähe ja 1421 Burg Karlštejn erfolglos von den Hussiten belagert worden war. Dabei hätte auch Karlík Opfer eines Angriffs werden können. Aber es gibt keinerlei Quellenbelege, dass die Hussiten sich bei der Gelegenheit auch mit Burg Karlík beschäftigten.

Die Burg an sich war gut zu verteidigen. An drei Seiten ist sie von steilen Abhängen und Felsenwänden abgesichert. Der einzige Eingang wurde von einer Wallgrabenanlage (kleines Bild links) geschützt, die die kleine Hauptburg von der noch kleineren Vorburg trennte, was heute noch an der Erdformation erkennbar ist. Sie ist aber so klein, dass hier nur eine winzige Besatzung untergebracht werden konnte. Die meisten Forscher denken, dass die Burg als vorgeschobener befestigter Wachtposten der nahen Burg Karlštejn erbaut wurde. Vereinzelt gibt es auch Stimmen, die von einem kleinen Jagdschloss sprechen. Aber quellenmäßig bewegen wir uns da immer noch auf unsicherem Grund.

Vielleicht erbringt einer tiefer gehende archäologische Erforschung Licht hinter das Geheimnis. Als wir im Spätsommer letzten Jahres hier waren, hatten die Archäologen wohl gerade damit angefangen. Das war ein Glücksfall, denn so konnte man die die sonst unter der Erde befindliche Ummauerung der Burg erkennen und einige Mauern der inneren Gebäude. Es handelte sich also zwar um eine kleine, aber durch recht dicke Steinmauern bewehrte Burg, wie man auf den Photos erkennen kann.

Unterhalb der Burg fand man einen kleinen Keller, dessen verschütteter Eingang heute am Wegesrand gut sichtbar ist (Bild links). Und anscheinend ist gesichert, dass es einen tiefen Brunnen gab, der die Versorgung mit Wasser im Belagerungsfall sicherte (etwas, worüber die große Burg Karlštejn nicht verfügte). Irgendwie ist Burg Karlík ein spannender Ort – auch wenn die kessen Burgfrauen aus der Imagination Vrchlickýs nie dort, sondern ganz sicher immer innerhalb der sicheren und wohnlichen Gemäuer von Karlštejn waren. (DD)

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