Roter Dichter, früh verstorben

Wie geht man mit Denkern und Künstlern um, die als Apologeten des Kommunismus in Erscheinung traten, die aber selbst keiner aktiven Beteiligung an Verbrechen schuldig waren? Vor allem in einem Land, das die kommunistische Unterdrückung durchleiden musste?

Nun, auch dann gilt im Zweifelsfalle die Unschuldsvermutung, zumindest, wenn kein direkter Aufruf zu Gewalt erfolgte. Kunst muss schließlich frei sein. Deshalb steht das Denkmal von  Jiří Wolker immer noch im Park Přátelství (Park der Freundschaft) im von Plattenbauten beherrschten Stadttteil Prosek. Es wurde dort auch noch in kommunistischer Zeit, genauer: 1987, aufgestellt. Gestaltet wurde die Statue 1984 von dem Bildhauer Miloslav Šonka, der in diesen Zeiten recht häufig der realsozialistischen Heldendarstellung frönte. Heute befindet sich eine kleine Infotafel neben dem Denkmal, das über den Dargestellten informiert.

Aber wer war Wolker? Der war 1921, als er im Alter von 21 Jahren seine erste Gedichtsammlung Host do domu (deutscher Titel: Gast ins Haus) veröffentlichte, ein Jungstar unter den tschechischen Dichtern der Zeit. Mit seiner einfachen und klaren Poesie versuchte er, die Not der proletarischen Bevölkerung hautnah zu schildern. Theaterstücke und Prosawerke folgten. Er wurde zu einem der Hauptvertreter der tschechischen proletarischen Dichtung. Wie viele seiner Gesinnungsgenossen in der Künstlerwelt kam er allerdings, so muss hinzugefügt werden, aus einen großbürgerlichen Hause.

1921 gehörte er zu den Gründern der Tschechoslowakischen Kommunistischen Partei. Man wird nie wissen, wie er sich verhalten hätte, als der KP-Vorsitzende  Klement Gottwald die Partei 1929 nach stalinistischem Muster organisierte („säuberte“) und damit den Exodus oder Hinauswurf vieler freigeistiger Schriftsteller, etwa Vladislav Vančura (früherer Beitrag hier), bewirkte. Einen gewissen Hang zum Dogmatismus zeigte er, als er 1922 die Künstlervereinigung Devětsil, der auch bürgerlich-demokratische Dichter wie František Halas angehörten, verließ, weil sie ihm zu unpolitisch war. Auf jeden Fall konnte er sich aber nicht mehr wehren, dass die Kommunisten ihn posthum zur proletarischen Kultfigur stilisierten (wovon das Denkmal in Prosek Zeugnis ablegt).

1923 erkrankte er an Tuberkulose. Auch ein Sanatoriumsaufenthalt in der Tatra erbrachte keine Besserung. Das Ende war abzusehen. Er blickte ihm mutig ins Auge und schrieb sogar das Epitaph für seinen Grabstein:

Hier liegt Jiří Wolker,
ein Dichter, der die Welt geliebt,
und für deren Gerechtigkeit ging er sich schlagen.
Doch noch bevor zum Kampf er zog sein Herz,
starb er – mit 24 Jahren.

Sein frühzeitiger tragischer Tod als junger Mensch und die Gradlinigkeit seiner Dichtung machten ihn auch über das eigene politische Lager hinaus populär und sicherten trotz seiner kommunistischen Anschauungen seinen Nachruhm. (DD)

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