Wo der Spargel gefeiert wird

Wie sehr die Spargelsaison in Deutschland mehr als eine jahreszeitliche Nahrungsergänzung, sondern ein tief verwurzelter kulturell-kulinarischer Traditionsbestand ist, merkt man erst, wenn man länger im Ausland lebt. Hier in Prag ist das eines der sehr wenigen Dinge, die man vermisst. Es ist daher auch schwierig, richtig guten weißen Spargel (tsch.: bílý chřest) auf den Märkten zu bekommen.

Schwierig, aber nicht unmöglich! Denn rund 25-30 Kilometer nördlich von Prag befindet sich im Kreis Mělník (okres Mělník) das große Spargelgebiet Tschechiens. Einer guten Empfehlung folgend, haben wir uns vor einigen Tagen mit dem Auto einmal nach Hostín u Vojkovic begeben. Das ist ein kleines Dorf, das einen etwas heruntergekommenen ersten Eindruck hinterlässt – mit vielen Rückständen kommunistischer Wüstenei. Auch der größte Verkaufort des Spargels, das Landwirtschaftsareal (Zemědělský areál), schien früher einmal so etwas wie eine Kolchose gewesen zu sein. Ein Mähdrescher der „DDR“-Marke Fortschritt ziert noch als Museumsstück den Hof (ansonsten hat man mit neueren Geräten aufgerüstet).

Aber hinter der unscheinbaren Fassade verbirgt sich Nobles. Der kleine Stand, der wegen seiner Abgelegenheit keine Laufkundschaft haben kann, wird von Kulinarikern aus der ganzen Umgebung mit dem Auto angefahren. Es herrscht durchaus Andrang. Und der Ort pflegt auch seine Spargelkultur. Im Mai findet das große Spargelfest mit kleinen Ess- und Trinkständen statt, bei dem natürlich der Spargel in allerlei Zubereitungsarten im Mittelpunkt steht.

Wir haben uns gleich mal an einem Wochenende ein paar Kilogramm vor Ort besorgt. Ja, die Qualität stimmt und muss sich in dieser Hinsicht keineswegs vor deutschen Spitzenprodukten – etwa dem Beelitzer Spargel – verstecken. Ganz simpel und klassisch mit Kartoffeln, heißer Butter, gekochtem und rohem Schinken zubereitet, mundete uns das Ganze vorzüglich! Wir haben jedenfalls unsere Spargelquelle bei Prag gefunden!

Drumherum befinden sich die großen Spargelfelder. Der Boden scheint recht sandig zu sein – für normale Landwirtschaft eher ein Nachteil, aber für Spargelbau schlichtweg ideal. In Deutschland wären solche Spargelzentren eher recht wohlhabende Gemeinden, aber in Hostín u Vojkovic scheint das leider noch nicht so zu sein. Anscheinend ist die lokale Spargelkultur noch nicht so weit ins Umfeld übergeschwappt, dass sie zum Riesengeschäft mit vielen konkurrierenden großen Anbietern wachsen konnte.

Ein Riesengeschäft war der Spargel (den man in Hostín auch als Pflanze kaufen kann; Bild links) in dieser Gegend dereinst. In der Zeit der Habsburger Monarchie und auch noch in der Ersten Republik war der Kreis Mělník ein international führender Exportstandort für Spitzenspargel. Man lieferte nach Frankreich und Deutschland. Der Spargel der Region wurde am k.u.k. Hof in Wien serviert. Die Kommunisten, die 1948 die Macht an sich rissen, verachteten Spargel und freien Welthandel gleichermaßen als bourgeoises Teufelswerk. Die Exportketten rissen, die mit dem Spargel verbundene Feinschmeckerkultur ging im sozialistischen Einheitsbrei unter. Nach dem Ende des Kommunismus musste die einstmals reiche Spargelkultur wieder langsam aufgebaut werden – ein Prozess, der noch nicht abgeschlossen ist, wie man am Zustand des Dorfes sehen kann.

Man kann den Bürgern von Hostín u Vojkovic nur wünschen, dass dereinst der große Spargelwohlstand kommen möge. Denn das Dorf verfügt über einen kulturellen Reichtum, den man Dank der kommunistischen Planungssünden zunächst einmal nicht erkennt. Der Ort war schon in der Steinzeit besiedelt und in den Urkunden wird er offiziell erstmals im Jahre 1088 – in der Zeit von Vratislav II. – erwähnt. Möglicherweise im Jahr 1271, auf jeden Fall bis zum Jahr 1290 wurde die außerordentlich hübsche Dorfkirche Mariä Himmelfahrt (kostel Nanebevzetí Panny Marie) eingeweiht, die 1615 im späten Renaissancestil überarbeitet wurde. Das Gebäude befindet sich in einem herzzerreißend deplorablen Zustand. Schon deshalb sei der Gemeinde der Spargelwohlstand gegönnt, damit die Kirche endlich adäquat renoviert werden kann.

Eine andere, wahrhaft sensationelle Attraktion ist die Friedhofskapelle des Leibes Christi (Fronleichnam, tsch.: Hřbitovní kaple Božího těla). Sie wurde 1736 im Auftrag von Philipp Hyazint Fürst von Lobkowicz von dem aus Italien stammenden Architekten und Maler Girolamo Casto gestaltet – ein kolossales Meisterwerk des Barocks, das über Kilometer in der Landschaft sichtbar ist. Leider auch dies in erbärmlichem und baufälligem Zustand.

So ergehe hiermit der Appell: Naht die Spargelsaison, gehe nach Hostín u Vojkovic und decke Dich ordentlich mit Spargel ein! Man erlaubt sich damit nicht nur ein lukullisches Gaumenerlebnis, sondern tut etwas für die Kultur des Ortes. (DD)

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