Kubismus historisch angepasst

Rund um den alten felsigen Burgberg des Vyšehrad hat der Architekt Josef Chochol vor dem Ersten Weltkrieg der Nachwelt einige der schönsten kubistischen Häuser Prags hinterlassen. Dazu zählt das Mietshaus in der Neklanova (früherer Beitrag hier) oder die Kovařovic Villa am Moldauufer (hier).

Das Dreifamilien- oder Tripel-Haus am Rašín-Ufer (Rašínovo nábřeží 42/6) direkt unter der Festung, das er in den Jahren 1912 bis 1913 für den Anwalt Jan Bayer als Mietshaus erbaute, ist wahrscheinlich das bekannteste seiner Gebäude hier. Das Ufer, an dem das Gebäude liegt, ist heute stark befahren, was ein wenig den Gesamteindruck mindert. Aber auch so erkennt man immer noch, wie geschickt Chochol das Gebäude in die Umgebung eingepasst hat.

Der Kubismus, der in Prag wie nirgendwo sonst Verbreitung fand, war in dieser Zeit der Avantgardestil schlechthin. Durch seine zusammengesetzten geometrischen Formelemente solche er optisch die Funktionalität über die klassischen Imperative der Ästhetik setzen. Aber der Vyšehrad ist für Tschechen ein historischer und legendenumwobener Ort, der für das tchechische Nationalbewußtsein immer eine große Rolle spielte. Und in diesen historisch gewachsenen Kontext wollte Chochol in diesem Fall auch seine kubistische Architektur einfügen.

Und so entstand ein Gebäude, das mit seiner niedrigen Höhe und seiner Länge den Blick vom Ufer zum Burgberg nicht beeinträchtigte. Und dadurch, dass er das mittlere der drei Häuser wie einen Mittelrisalit mit Mansardendach gestaltete, gab er dem Ganzen auch einen altertümlichen Anstrich, obwohl es immer noch aus modernen Formelementen zusammengesetzt war.

Selbst die kühnen polygonen Vorbauten an den Seiteingängen wirken – obwohl sie den Kubismus in seiner striktesten und funktionalistischsten Art und Weise repräsentieren – wie moderne Nachkonstruktionen oder -empfindungen mittelalterlicher Erker.

Chochol hat das Problem, das er vor sich liegen hatte, geschickt gelöst. Selten wurde Modernität so einfühlsam und harmonisch in Traditionalität des Umfelds eingebettet.

Eine weitgehendere Konzession an traditionalistische Baustile machte er aber dann doch. Der frühe Kubismus vor dem ErstenWeltkrieg verzichtete normalerweise auf jedwede skulpturale Ausstattung. Die Form sollte in ihrer Reinheit wirken. Unter dem Giebel des mittleren Hauses befinden sich jedoch zwei ganz altmodische Skulpturengruppen mit ganz altmodischen Themen. Die rechte Gruppe handelt von der Sage um die auf dem Vyšehrad residierenden Seherin Libuše, die gerade ihr Pferd den Herrscher der Böhmen und ihren Ehemann auswählen lässt, um so die Dynastie der Přemysliden zu gründen. Die rechte Gruppe zeigt den altböhmischen Helden Ctirad, der gerade seine Leier spielt (zu diesen Legenden siehe früheren Beitrag hier).

Seltsamerweise hat mit diesem im kubistischen Kontext eher regressiven ästhetischen Element Chochol bereits künftige Formen des Kubismus vorweggenommen. In den 1920er Jahren versuchte man, kubistische Formsprache systematisch zu einer traditionalistischen (und mit üppigen skulpturalen Dekorationen versehenen) Nationalarchitektur umzuformen. Rondokubismus nannte man das (frühere Beitrage hier, hier und hier). Ob Chochol hier schon diese Entwicklung bewusst vorwegnahm? Oder war er nur zu Kompromissen gezwungen gewesen? (DD)

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