Das Leben in Jugendstil

Im Jahre 1905 eröffnete der Geschäftsmann Ondřej Dörfler hier in der Na Příkopě 391/7 in der Nähe des Wenzelsplatzes sein Kaufhaus. Das existiert schon lange nicht mehr, aber geblieben das passend U Dörflerů genannte Gebäude. Es ist ein kleines Meisterwerk des Jugendstils.

Erbaut wurde das Haus von dem Baumeister Matěj Blecha, der das Areal um den Wenzelplatz zu Beginn des 20. Jahrhundert maßgeblich mitbestimmt hatte (siehe u.a.früherer Beitrag hier).

Die Entwürfe für das Haus stammten vom Architekten Jiří Justich, der wiederum ein Schüler des damals sehr berühmten österreichischen Architekten Friedrich Ohmann war (siehe u.a. früheren Beitrag hier), dem Prag etlich bedeutende Gebäude verdankt.

Der eigentliche Held im Stück war jedoch der Bildhauer Karel Novák. Ihm verdankt man die Stuckarbeiten der Fassade vom ersten Stock an. Seine thematisch und künstlerisch stringente Gestaltung kommt schon deshalb so schön zur Geltung, weil das Ganze nicht überladen wirkt, sondern geschmackvoll dezent – aber dennoch prunkvoll. Schon weil der Stuck fast ausschließlich in weiß und einem zurückhaltenden grau gehalten ist, können die Vergoldungen, die dazwischen eingefügt sind, sich besonders wirkungsvoll entfalten.

Das Leben ist das eigentliche (und im Jugendstil sehr beliebte) Thema. Oben auf dem Giebel symbolisiert eine Urne das Ende, aber darunter sind zwei Lebenssymbole miteinander verwoben. Da findet sich direkt unter dem Giebel gleich zweimal der Baum, als vom Wind gebeugter Lebensbaum gedacht. Das entsprach dem in dieser Zeit populären vorchristlich inspirierten Mystizismus (siehe großes Bild oben).

Darunter sieht man Pfauen, wobei deren Körper sich so um die Fensterrahmung winden, dass sie auf den ersten Blick schwer erkennbar sind, und anscheinend von oberflächlichen Betrachtern oft mit Fischen verwechselt werden. Der Pfau wiederum ist in der christlichen Mythologie ein Symbol der Unsterblichkeit. Die Pfauen sind sicher der auffälligste Teil der Stuckgestaltung.

Daneben gibt es noch einige typische Jugendstil-Ornamente wie Kränze oder Girlanden. Aber Dörfler wäre ja kein guter Geschäftsmann oder Warenhausleiter gewesen, hätte er sich nur um Lebensphilosophie und Mystik gekümmert. Ein bisschen Werbung für sein Kaufhaus musste schon sein. Und so sieht man auf dem Gitter des Balkons auf dem dritten Stock das geschmiedete und vergoldete Firmenlogo – ein zierlich gestaltetes D, das natürlich für den Namen Dörfler steht. (DD).

Ein Gedanke zu “Das Leben in Jugendstil

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s