Bahnhof im Elend

Prag verfügt über etliche wunderschöne Bahnhofsgebäude. Man denke an den Hauptbahnhof (ein Meisterwerk des Jugendstils) oder den Masaryk Bahnhof. Der Bahnhof Vyšehrad könnte einer der schönsten von ihnen sein. Mit der Betonung auf: könnte… Denn an seiner Entfaltung hindert ihn seit längerem ein kommunalpolitisches Drama sondergleichen.

Der Bahnhof in der Svobodova 86/2 wurde 1872 zusammen mit einem Stellwerk in Betrieb genommen, und zwar zunächst als eher unansehnlicher Zweckbau. Es handelte sich ja zuerst nur um einen kleinen Güterbahnhof. Ab 1888 kam aber der Personenverkehr und 1900 erfolgte der zweigleisige Ausbau des Schienennetzes, was die Zahl der Züge, die hier hielten, ansteigen ließ. Kurz: Es musste ein neues Gebäude her. Das entstand im Jahre 1904. Es ist nicht mehr so ganz klar, wer der Architekt war. Häufig wird  Antonín Balšánek genannt, der bereits 1890 mit dem Etwurf der heutigen Brücke der Legionen (most legii) eine gewisse Prominenz erreicht hatte. Der bekannte Architekturhistoriker Zdeněk Lukeš hat neuerdings die Auffassung vertreten, dass es auch der Architekt Jan Vejrych gewesen sein könnte, der im selben Jahr das Hotel Paříž in Prag erbaut hatte.

Wie dem auch sei: Der Bahnhof ist ein stattliches Gebäude im Stil der Neorenaissance, der alleine durch die beiden reich mit Ornamenten versehenen Türme, die den Eingang zur Halle einrahmen, zu einem Musterbeispiel der Bahnhofsarchitektur des frühen 20. Jahrhunderts wurde. Noch immer ist das alte Logo der k.u.k. Eisenbahn – ein geflügeltes Rad – in Stuck über dem Portal zu sehen. In den 1920er Jahren wurde der Bahnhof technisch modernisiert und auf Elektrozüge umgestellt. Das Äußere wurde davon nicht tangiert. 1960 begann der Abstieg. Der sich entwickelnde städtische Nahverkehr und die Tatsache, dass der Bahnhof in einer Kurve lag, was neuen Vorschriften widersprach, führte zur Einstellung des Personenverkehrs.

Trotz der Herabstufung zur Ausweichstelle mit Stellwerk wurde in den 1980ern eine Renovierung durchgeführt, aber im Jahr 2000 brach Wasser ein, was einen rapiden Verfallsprozess zur Folge hatte. Um es zu schützen, erklärten die Behörden das Gebäude 2001 zum Kulturdenkmal. So konnte man es 2007 guten Gewissens, aber ahnungslos, an einen Investor verkaufen. Der tat aber ,was er nicht tun sollte, und riss zunächst einmal rechtswidrig die denkmalgeschützte Wartehalle zwischen den Gleisen ab, die wegen ihrer historisierenden Jugendstil-Holzarbeiten als kunstgeschichtlich besonders wertvoll galt. Auch schien er nicht an einer Renovierung oder Neuverwendung Interesse zu haben.

Seither verfällt und verfällt und verfällt das Gebäude. Die Stadt Prag möchte das Gebäude gerne zurückkaufen. Das Gebäude wäre der ideale Ort, den seit langen ohne Domizil umherziehenden Bilderzyklus Das slawische Epos des weltberühmten Prager Jugendstilmalers Alfons Mucha unterzubringen. Eine gute Idee! Der Stadtrat weiß aber nicht, welchen Preis er bereit ist, dafür zu zahlen. Der Preis, den der Investor verlangt, ist mit 117 Millionen Kronen (ca. 4,5 Millionen Euro) fast doppelt so hoch wie der ortsübliche Preis (und deutlich höher als der ursprüngliche Kaufpreis). Was tun?

Quer durch alle Parteien tobt nun der Streit, ob man auch einen überhöhten Preis zahlen solle (zu dem sich ja noch enorme Renovierungskosten gesellen würden), um den Tod des Gebäudes zu verhindern, oder ob man gar enteignen solle, oder ob so etwas überhaupt rechtens wäre. Ein Ende ist nicht in Sicht. Die Lösung ist schwierig. Sicher ist nur, dass der elende Anblick, den der Bahnhof nun bietet, traurig stimmt. Eine Lösung sollte kommen, bevor es zu spät ist. (DD)

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