Von der Seidenfabrik zum Schlösschen

Im Volksmund nennt man das Gebäude nur Vršovický zámeček, das „Schlösschen“ von Vršovice. Abgesehen davon, dass die bloßen Ausmaße die Verkleinerungsform nicht rechtfertigen, weil es die Proportionen eines ausgewachsenen Schlosses hat, stimmt es sowieso nicht. Dieses Gebäude diente nie als Herrensitz, sondern ist vielmehr der Beweis, dass im 19. Jahrhundert funktionale Produktionsstätten oft schmucker daherkamen als heute wichtige Repräsentationsbauten.

Das offiziell Rangherka genannte Gebäude, das majestätisch über dem Hauptplatz des Stadtteils (heute in Prag 10), dem Vršovické náměstí, thront, war ursprünglich nämlich eine bloße Seidenfabrik. Ende des 18. Jahrhunderts fand der aus der Lombardei eingewanderte Händler Giuseppe Rangheri, dass das Gelände außerhalb der damaligen Prager Stadtmauern, wo Wein- und Obstanbau betrieben wurde, sich dafür eigente, aus seinem bisherigen Hobby einen Beruf zu machen: die Seidenspinnerei. Er pflanzte zahlreiche Maulbeerbäume an und begann die Produktion.

Nach seinem Tod im Jahre 1832 übernahm sein Sohn Enrico das Geschäft und baute es nach neuen industriellen Maßstäben aus. Dazu erwarb er u.a. oberhalb der örtlichen Kirche des Heiligen Nikolaus (früherer Beitrag hier) und neben der Maulbeerbaum-Plantage seines Vaters ein Grundstück und baute dort 1842 ein großes zweistöckiges Fabrikgebäude auf, das der Seidenweberei und der Zucht von Maulbeerspinnern dienen sollte. Es ist leicht zu erraten, dass sich bei der Bezeichnung „Rangherka“ für das Gebäude um eine tschechisierte Benennung nach dem Erbauer handelt.

Enrico Rangheri starb jedoch 1857 und die Besitzer des Betriebs wechselten häufig. Es ging bergab und 1882 war dann Schluss. Die damals noch nicht zu Prag gehörende Gemeinde Vršovice (die Eingemeindung erfolgte erst 1922) kaufte Fabrik und Plantage. Der um Kultur und Stadtbild eifrig bemühte Bürgermeister Josef Herold ließ nach seiner Wahl im Jahre 1884 erst einmal die Maulbeerbaum-Plantage fällen und legte einen Park zur Erholung der Bürger dort an, der bis heute seinen Namen trägt, den Herold-Parks (Heroldovy sady). Der Park ist immer noch die „grüne Lunge“ von Vršovice.

1899/1900 kam dann das Fabrikgebäude an die Reihe. Etliche grundlegende Veränderungen gab es, zum Beispiel wurden die Türme an der Westseite abgerissen, die Fassade im Stil der Neorenaissance etwas vereinheitlicht und über dem Mittelrisalit ein sechseckiger Turm mit einem Altan errichtet. Dadurch sah die ehemalige Fabrik endgültig wie ein Schloss. Dieses diente nun öffentlichen Zwecken. Lange gab es drinnen eine Schule und auch zahlreiche Büros der Stadtverwaltung fanden hier ihren Platz. Ab 1974 wurde es Sitz des örtlichen Nationalkomitees, wie unter den Kommunisten die im Sowjetstil organisierte städtische „Selbstverwaltung“ hieß.

Nach dem Ende des Kommunismus suchte man nach neuen Nutzungsmöglichkeiten. Das Gebäude stand lange leer und verkam ein wenig. Aus dem Plan des Jahres 2002, dort ein Hotel einzurichten, wurde nichts. Die Stadt blieb darauf sitzen und beschloss, es dann selbst sinnvoll zu nutzen. 2010 bis 2013 erfolgte eine gründliche Sanierung mit Umbau. Seit 2014 dient es hauptsächlich als Altenpflegeheim. Daneben gibt es noch kleinere Büros für kleinere Verwaltungseinheiten und einen hübschen Hochzeitssaal. Das Altenheim trägt übrigens auch offiziell den Namen Vršovický zámeček… (DD)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s