Wo Smetana Ruhm und Wohlstand fand

Vom armen und unbekannten Musiker zum wohlhabenden und berühmten Nationalkomponisten stieg er hier in diesem Haus auf: Bedřich Smetana. Am 5. August 1848 eröffnete er dort am Staroměstské náměstí 548/20 (Altstädter Ring) mitten in der Altstadt seine Musikschule. Sich überhaupt Räume anzumieten, überstieg zunächst seine finanziellen Möglichkeiten. Er konnte sich nicht einmal ein eigenes Klavier leisten, geschweige denn, mehrere für die Schüler. Auch seine Ehepläne mit der geliebten Kateřina Kolářová schienen zu scheitern, da er ihr kein irgendwie angemessenes Lebens bescheren konnte.

Da kam er auf die Idee, dem bereits bekannten und reichen Komponisten Franz Liszt einen Bettelbrief zu schreiben, in dem er von seiner Not erzählte, die ihm möglicherweise nur noch den Weg des Freitods offenlasse, und bat um einen Kredit. Eine kleine Klavierkomposition (Opus 1) fügte er hinzu. Liszt lieh ihm natürlich kein Geld, aber tat etwas viel Wirkungsvolleres: Er gab das Klavierwerk, das ihm anscheinend gefallen hatte, mit Empfehlung einem großen Verleger, der Smetana damit auf einen Schlag berühmt machte und ihm Kredit verlieh. Der Komponist konnte nun – am Anfang noch etwas mühsam – finanziell auf eigenen Beinen stehen. Die Musikschule, die bei höheren Töchtern und Söhnen ungeheuren Anklang fand, wurde eröffnet und einige Monate später konnte er sogar Kateřina Kolářová heiraten.

Ein Happy End also, das zudem in einem historisch bemerkenswerten Gebäude stattfand, dem dům U Zlatého jednorožce (Haus zum Goldenen Einhorn). Das kann auf eine urlange Geschichte zurückblicken. Es begann als romanisches Haus, das 1496 von dem bekannten Gelehrten, Bildhauer und Architekten Matěj Rejsek in ein gotisches Wohnhaus verwandelt wurde, von dem man noch in der Hofeinfahrt die schönen Spitzbogengewölbe erkennen kann.

Heute dominiert aber äußerlich vor allem der Barock. Der berühmte Architekt Franz Maximilian Kaňka gestaltete das Haus in den Jahren 1712-17 und dann noch einmal im Jahre 1731 (drei Jahre bevor er den Architektenberuf aufgab und Brauer wurde) grundlegend um. Mit seinen schmuckvollen Fensterstürzen, der goldenen Kartusche mit dem Marienbild, den Vasen auf dem Dach und dem feinen Dreiecksgiebel gehört es zu den Meisterwerken des Hochbarock in der Altstadt.

Im Jahre 1781 eröffnete Andreas Gerle, Bruder des Dramaturgen Wolfgang Christian Gerle, hier die erste öffentliche Bibliothek in Prag mit einem eigenen Lesekabinett, wo man Bücher ausleihen und Nachschlagewerke konsultieren konnte, 14 Zeitungen und 30 Zeitschriften aktuell zur Verfügung standen und das noch mit einem gemütlichen Kaffeehaus verbunden war. 1790 waren die Behörden der Meinung, das zuviel Lesen zu mehr Aufklärung und mehr Aufklärung zur Revolution führe, wie man ja ein Jahr zuvor in Frankreich gesehen hatte. Eine Petition, in der Gerle alle 8000 gesammelten Fachbücher auflistete, von denen eigentlich kaum eines gefährlich war, half nichts. Die Lesehalle wurde geschlossen.

Ein anderer prominenter Bewohner, der es sich mit den Behörden verscherzt hatte, war Karel Havlíček, einer der großen politischen Publizisten Böhmens, der sich spitzzüngig für eine größere Selbständigkeit der Tschechen im Habsburgerreich einsetzte und aktiver Teilnehmer der Revolution von 1848 in Prag war – was Alles zusammen dazu führte, dass er 1851 ins Exil geschickt wurde. Er lebte in den Jahren 1838/39 in dem Haus.

Warum auch immer: Erinnert wird an dem Haus weder an Gerle noch an Havlíček, sondern ausschließlich an Smetana und seine Musikschule, die ihm so viel Glück brachte. 1927 brachte die Stadt hier eine schlichte Gedenktafel aus Bronze an, deren Text übersetzt lautet: „Im August 1848 eröffnete Bedřich Smetana in diesem Haus das Musikinstitut“. Wie Havlíček war auch Smetana ein glühender Verfechter von Freiheit und tschechischer Selbstbestimmung und er beteiligte sich auch an der Revolution von 1848. Die politische Repression, die der Niederschlagung der Revolution folgte, behagte ihm nicht. 1856 beschloss er, das Land zu verlassen, um in Schweden die Philharmonische Gesellschaft zu leiten. Auf der Reise starb seine Frau (er heiratete 1860 als zweite Frau Bettina Ferdinandová). 1861, als sich das politische Klima ein wenig beruhigt hatte, kehrte er nach Prag zurück, zog aber nicht mehr in das Haus am Altstädter Ring ein, wo einst seine Karriere ihren Aufschwung genommen hatte. (DD)

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