Museum im Prachtbau

Die frisch vergoldeten Kuppeln glänzen in der Sonne. Oben auf der Anhöhe bildet es den würdigen optischen Abschluss des Wenzelsplatzes: Das Nationalmuseum (Národní Muzeum) von Prag. Durch seine schiere Größe dominiert es die recht überdimensionierte Fläche des Platzes. So war es auch gedacht, denn dieses Gebäude war als Sinnbild der historischen Größe Böhmens gedacht und sollte selbstbewusst die tschechische Kultur im Habsburgerreich repräsentieren.

Seit dem frühen 19. Jahrhundert hatte es schon Pläne böhmischer Patrioten gegeben, ein „Vaterländisches Museum“ zu gründen. 1821 wurde im Palais Sternberg (Šternberský palác) ein erster Versuch gemacht, 1845 gab es einen zweiten Anlauf im Palais Nostitz (Nostický palác) – dem heutigen Sitz des tschechischen Kulturministeriums. Die Räumlichkeiten waren nicht wirklich geeignet, das Geld zu knapp und die Sammlung noch nicht umfassend genug, um das ganze Panorama böhmischer Kultur und Geschichte dem Publikum vorzuführen.

Andererseits gab es immer mehr Gönner und Spender in Prag, das im 19. Jahrhundert einen beispiellosen wirtschaftlichen Aufschwung erfuhr. Vor allem der Initiative von František Ladislav Rieger (früherer Beitrag hier) war es zu verdanken, dass ein Landesausschuss gebildet und ein geeignetes Grundstück gefunden wurde. 1883 schrieb man einen Architekturwettbewerb aus, den Josef Schulz, der zu den großen Meister der Neorenaissance in Prag gehörte und später auch das Kunstgewerbemuseum (früherer Beitrag hier) bauen sollte. Zwischen 1885 und 1890 wurde eifrig gebaut. Das Ganze kostete fast 2 Millionen Gulden – eine unvorstellbare Summe, die aus den Spenden patriotischer Bürger zusammengekommen war.

Die Ausmaße waren riesig. 104 Meter ist die Front breit. Der höchste Punkt auf der Zentralkuppel ist 74 Meter hoch. Es soll fast dreieinhalb Tausend Türen drinnen geben. Neben dem Mittelbau gibt es zwei große Innenhöfe, die heute überdacht sind und damit noch mehr Platz für Exponate bieten. Bedeutende böhmische Künstler wurden gewonnen, um das Gebäude im Stil der Renaissance in patriotischem Geist zu beschmücken. Die Bildhauer Antonín Popp und Bohuslav Schnirch seien erwähnt, aber auch der Maler Julius Mařák, der für die große Eingangshalle 1897 große Landschaftgemälde mit tschechischen Wahrzeichen (hier Burg Karlstejn) gestaltete.

Man geht dieses prachtvolle Treppenhaus hinauf und landet im Pantheon, einer Büsten- und Statuensammlung, die die größten Geister Böhmens versammelt – von Hus über Komenius und Palacký bis Masaryk. In kommunistischen Zeiten sah das anders aus, weil Leute wie Klement Gottwald hier ihren unverdienten Platz einnahmen, aber nach 1989 stellte man den Urzustand wieder her.

Auch draußen über dem zweiten Stock sind unzählige Medaillons mit Schriftzügen angebracht, die schöpferische Geister aus Kultur und Wissenschaft darstellen, die in Böhmen lebte. Hier sieht man zum Beispiel den Astronomen Tycho Brahe, den wir bereits hier erwähnten.

Das Museum musste zu Ende des Zweiten Weltkrieg und während des Einmarsches der Sowjettruppen bei der Niederschlagung des Prager Frühlings einige Beschädigungen hinnehmen, die aber schnell repariert wurden. Aber auch so fordern die Zeitläufe generell ihren Tribut. Besonders in den Jahren des Kommunismus ließ man dem Museum vielleicht nicht ganz die nötige Pflege zukommen.

Wie dem auch sei: Zwischen 2011 und 2018 wurde das Museum zwecks vollständiger Renovierung geschlossen. Im Oktober 2018 wurde es zwar unter großem Pomp und mit viel Prominenz wiedereröffnet, aber ganz fertig war man mit der Wiederherstellung noch nicht. Bisher kann man nur Teile des Museums für temporäre Ausstellungen besichtigen. Aber auch das ist schon umwerfend genug. Allein die vergoldete Kuppel des Pantheons sieht atemberaubend aus. Und in absehbarer Zeit wird die große Sammlung, die einen Überblick über die Kultur des Landes von der Frühzeit bis zur Samtenen Revolution bieten wird, die Hallen füllen.

Noch steht also der Saurier in einer der Innenhöfe etwas einsam da. Aber bald wird die Sammlung alle Räume füllen. Material ist schließlich genug da. Im Grunde sogar mehr als genug. Denn die Sammlung ist im Laufe der Zeit so groß geworden, dass das Museum, das sich seit 1949 in Staatsbesitz befindet, im Laufe der Jahrzehnte spezialisierte Filialen außerhalb des ursprünglichen Gebäudes eröffnete, etwa das Náprstek-Museum für Ethologie oder das Bedřich-Smetana-Museum. Das alte Gebäude ist aber zweifellos das Prunkstück und wird es bleiben.

Der Weg von der Altstadt den Wenzelsplatz hinauf lohnt sich also, um die zum Eingang führenden Treppen zu ersteigen, die sich um einen Brunnen schmiegen, bei dem aus einem Löwenmaul (das böhmische Wappentier) das Wasser in ein Marmorbecken plätschert – gekrönt von den steinernen Allegorie der Bohemia (für die Tschechen mit Tschechien gleichgesetzt), der Krone des Heiligen Wenzels und den Verkörperungen von Moldau und Elbe, und den Landesteilen Mähren und Schlesien. Dann eröffnet sich das Innrere des Prachtbaus, für den man sich in jedem Falle Zeit nehmen sollte. (DD)

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