Das Heldenhaus des Akkordeonfabrikanten

Kühn und ungebeugt schaut er dem grausamen Schicksal entgegen, das seiner harret. Die lebensgroße Statue in der Ecknische am ersten Stock kündet davon: Hier lebte dereinst Václav Budovec z Budova (auf Deutsch Wenzel Wilhelm Freiherr Budowecz von Budowa genannt). Das Haus, auch als palác Budovců z Budova bekannt, steht in der Altstadt direkt hinter der Teynkirche in der Týnská 627/7.

An dieser Stelle stand zuvor ein gotisches Gebäude, erbaut in den Jahren der Herrschaft Karls IV. im 14. Jahrhundert. In dieser Form kaufte es im Jahre 1617 besagter Václav Budovec z Budova, ein Angehöriger des böhmischen Adels und erklärter Protestant, der sich für die Freiheit der Glaubensausübung einsetzte, die seit der Beendigung der Hussitenkriege durch die Kompaktate von 1433 geschützt war. Er hatte auch daran mitgewirkt, dass Kaiser Rudolf II. 1609 durch seinen Majestätsbrief die Glaubensfreiheit noch einmal bekräftigte, die dann auch unter dessen Nachfolger Matthias unangetastet blieb. Als 1617 der umstrittene Ferdinand II., der eine absolutistisch geprägte gewaltsame Rekatholisierung Böhmens einleitete, den Thron bestieg, gehörte er zu dessen radikalen Gegnern. Er war zwar nicht direkt am zweiten Prager Fenstersturz beteiligt, unterstützte aber den böhmischen Ständeaufstand (er war Autor einer der Apologien des Aufstands), wurde Mitglied des provisorisch regierenden Direktoriums des Aufstands und schlug sich auf Seite des Gegenkönigs Friedrich von der Pfalz (der sogenannte „Winterkönig“).

Das ging nicht gut und er ahnte das wohl auch. Seine Familie schickte er kurz vor der Schlacht  am Weißen Berg 1620 ins sichere Ausland. Die Schlacht ging für die Sache des freien Böhmens verloren und die siegreichen Habsbuger nahmen blutige Rache. Nicht viele Meter von seinem Haus entfernt kam es am 21. Juni 1621 zur blutigen Hinrichtung der 27 Anführer des Aufstands (siehe früheren Beitrag hier) und er war einer der drei Hochadligen, die da ihr Leben ließen. Dass eine solche öffentliche Hinrichtung einer solch hochrangigen Person möglich war, galt als Skandal. Es sicherte aber Budovec z Budova einen postumen Helden- und Märtyrerruhm unter den Tschechen, der bis heute anhält. Besonders die nationale Geschichtsschreibung im 19. Jahrhundert feierte ihn als Nationalheroen.

Seine Familie hatte nach der Hinrichtung Glück, denn die Sieger verzichteten ausnahmsweise darauf, das Haus an der Týnská zu konfiszieren. Und so konnte die Witwe darin noch eine Weile leben bis sie es 1628 an die Familie der Grafen von Nageroll verkaufte. Im 18. Jahrhundert bauten die das Haus um und so sieht man dort heute gar nicht wirklich das alte Haus, das Budovec z Budova bewohnt hatte, sondern ein zweistöckiges Barockhaus mit hübschen Dachgauben und einem Innenhof mit Galerie. Im Erdgeschoss hat man mittlerweile immerhin die Ummauerung eines Spitzbogens freigelegt, der noch an das originale gotische Haus erinnert.

1918 kaufte ein gewisser Antonín Hlaváček das Anwesen. Der war Inhaber der Firma Heligon, die hochwertige Akkordeons produzierte, die heute noch unter Kennern als Sammlerstücke gefragt sind. Auf eigene Kosten setzte sich der patriotisch gesonnene Unternehmer dafür ein, dass das Andenken an jenen heldenhaften Vorbesitzer, der 1621 den Henkerstod fand, lebendig blieb. Er heuerte 1927 den Bildhauer Antonín Bílek an, den Bruder des wesentlich berühmteren Bildhauers František Bílek, über den wir bereits hier berichteten.

Der schuf die symbolistische Statue des der Tyrannei trotzend in die Ferne schauenden Budovec z Budova, der auf einem Sockel (mit symbolträchtigen Kerkerketten) über dem Familienwappen steht, und auf sein Schicksal wartet . Darunter befindet sich die vom selben Künstler gestaltete rechteckige Plakette, die – neben dem protestantischen Symbol des Kelchs – die gefallenen Banner und Waffen des Helden auf dem Schlachtfeld zeigt und die Inschrift trägt: „Der Eigentümer dieses Hauses war Václav Budovec vom Herrenhaus in Mnichovo Hradiště, Klášterec und Zásadec. Er wurde 1547 geboren und war der zweite unter den 27 hingerichteten tschechischen Herren, die am 21. Juni 1621 für die Freiheit ihres Glaubens und für die Rechte des Landes auf dem Gerüst bluteten. Ant.Bílek 1927″( DD)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s