Früher Schule, heute Musikladen

Zu den optischen Auffälligkeiten des Altstädterrings gehört, dass eine seiner Hauptsehenswürdigkeiten, die alte gotische Teynkirche (früherer Beitrag dazu hier), von alten Häuser geradezu eingemauert ist. Dadurch wird sie so sehr zum Blickfang, dass man die Besonderheiten dieser Häuser selbst leicht übersieht. Eines davon ist die alte Teyn-Schule (Týnská škola) am Staroměstské náměstí 604/14.

Zur Schule kann man hier nicht mehr gehen, denn der Schulbetrieb wurde um 1850 eingestellt und das Ganze in einen Wohnblock umgebaut. Aber man sieht ein recht einzigartiges Renaissancegebäude hier. Das entstand durch die Zusammenlegung zweier früherer gotischer Häuser. An die erinnern optisch noch ein wenig die etwas unregelmäßigen Spitzbögen der Arkade im Erdgeschoß.

Von der Arkade aus führt ein Durchgang direkt zur Teynkirche über einen kleinen und engen Innenhof, der einen kleinen Eindruck von der Rückseite des Gebäudes erlaubt. Hier sieht man noch rund um einige Fenster in den beiden oberen Geschossen Fragmente originaler Inschriften und Sgraffiti, wie sie typisch für die frühe Renaissance in Böhmen waren. Der Künstler, der sie dereinst herstellte, ist unbekannt.

Ansonsten dominiert darüber die Fassade mit ihren zwei Giebeln, die – im Sinne der Renaissance – durch klassische dorische Pilaster strukturiert ist und durch Rundbögen abgeschlossen werden, auf denen je ein kleiner Pylon mit aufgesetzten Kugeln steht. In der Mitte zwischen den Giebeln wurde ein niedriger Turm angedeutet. In der Mitte der Fassade wurde im 18. Jahrhundert ein barockes Bild unter einem kleinen Baldachin angebracht, das die Himmelfahrt Mariens darstellt. Leider sind die Farben inzwischen ein wenig verbleicht, aber das Motiv ist noch gut erkennbar. Das Marien-Bild ist Indiz für die Katholisierung der Schule nach der Schlacht am Weißen Berg 1620, bei der die katholischen Habsbuger die nach Freiheit strebenden böhmischen Protestanten geschlagen hatte. Zuvor galt die Schule als Hochburg, ja geradezu als theologische Kaderschmiede der Utraquisten, der gemäßigten Strömung des Hussitentums.

Die Schule selbst begann ihr Leben an diesem Orte 1404 auf Geheiß von König Wenzel IV., der den sich in seiner Regeirungszeit formierenden Hussiten zunächst sehr aufgeschlossen erwies. Ende des 15. AJhrhunderts war übrigens der Gelehrte und Bildhauer Matěj Rejsek, der um 1500 die berühmte Statue des Ritter Bruncvík (früherer Beitrag hier) schuf, der Rektor der Schule. Ein weiterer Meilenstein der Geschichte war die Ergänzung der bis dato reinen Jungenschule durch eine Mädchenschule im Jahre 1779. Heute befinden sich in dem Gebäude Wohnungen und im Erdgeschoss ein Musikladen, bei dem man Konzertkarten erwerben kann. (DD)

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