Ort des Martyriums

Am 25. Februar 1950, also vor genau 70 Jahren, erlag hier der Priester Josef Toufar den Folgen der Folterungen durch die Staatssicherheit. Am 19. Januar 1969 starb im selben Gebäude Jan Palach (früherer Beitrag hier), der sich drei Tage zuvor aus Protest gegen die Unterdrückung des Prager Frühlings und die sich ausbreitende Gleichgültigkeit der Menschen selbst angezündet hatte. Es ist fast ein gespenstischer Zufall, dass sie beide als Märtyrer für ihre Überzeugungen an diesem Ort, einem kleinen Krankenhaus in der Neustadt, starben. Ihr Schicksal gemahnt daran, welche Gräuel das Land in den Zeiten des Kommunismus durchmachte. Und es mutet fast wie Ironie an, dass beide hier an diesem Ort nicht offiziell durch den Staat, sondern durch ein illegales Grafitti an der Fassade des Gebäudes Legerova 1627/61 geehrt werden, das der Designer und Künstler Otakar Dušek dort 2014 anbrachte.

Jan Palach ist vielen Menschen bekannt. Mit seiner Selbstverbrennung sandte er ein Fanal an die Welt – ein Protestsignal gegen die Gleichgültigkeit seiner Mitmenschen gegenüber der Niederschlagung des Prager Frühlings im Jahr zuvor. Seiner wird bis heute gedacht. Beim 50. Jahrestag seines Todes war sein Denkmal am Wenzelsplatz mit Blumen überhäuft. Im selben Jahr wurde seine Geschichte verfilmt. Er ist zum Sinnbild des Widerstands gegen den Kommunismus geworden.

Weniger bekannt – und das auch nur im Lande selbst und nicht außerhalb – ist das grauenvolle Schicksal des katholischen Priesters Josef Toufar. Im Dezember 1949 hatten bei einer seiner Gottesdienste in der Kirche der kleinen Gemeinde von Číhošť einige Gläubige angeblich beobachtet, dass sich hinter dem Priester (der das nicht sehen konnte) ein aufgestelltes Kreuz ein wenig hin und her bewegte. Eine richtige Erklärung (nicht einmal, ob das Ganze stattgefunden hatte) konnten Toufar und einige seiner Kollegen, die er heranzog (darunter der Botschafter des Vatikans in Prag) nicht finden. Aber es strömten Gläubige in die Kirche, um den Ort eines „Wunders“ zu besichtigen.

Zu dieser Zeit führten die Kommunisten, die im Vorjahr die Macht an sich gerissen hatten, eine Hetzkampagne gegen die Kirchen durch. Toufar wurde beschuldigt, das „Wunder“ selbst in betrügerischer Absicht inszeniert zu haben, um die „wissenschaftliche“ Staatsdoktrin des Historischen Materialismus zu untergraben. Am 28. Januar 1950 verhaftete man ihn. Von da an begann ein Martyrium für den unschuldigen Priester, das seinesgleichen sucht. Er wurde gefoltert, um ein Geständnis aus ihm herauszuholen, das man dann für einen großangelegten Schauprozess hätte verwenden können. Toufar hielt der immer brutaler werden Folter lange stand. Erst am 22. Februar unterschrieb er das Geständnis, das Kreuz manipuliert zu haben. Obendrein schob man noch die absurde Lüge nach, er habe Kinder missbraucht. Der Zynismus der kommunistischen Schergen kannte nun keine Grenzen mehr. Die Staatssicherheit hatte angefangen, einen kleinen Propagandafilm über Toufars „Vergehen“ zu drehen und am 23. Februar sollte er vor die Kamera gezerrt werden, um sein Geständnis zu wiederholen. Zu diesem Zeitpunkt war er aber durch die Folter so sehr geschwächt, dass er nicht mehr vor der Kamera stehen konnte. Zudem weigerte er sich standhaft. Die Folter ging weiter. Drei Tage später, am 25. Februar 1950, wurde er in das kleine Krankenhaus in der Legerova eingeliefert. Die Ärzte konnten nichts mehr für ihn tun. Er starb innerhalb kürzester Zeit. Die Mediziner wurden gezwungen, auf dem Totenschein ein „Magengeschwür“ als Todesursache einzutragen. Nach dem Fall des Kommunismus berichtete einer der Ärzte: „Bei der Operation von Josef Toufar habe ich damals assistiert. Wir taten alles, was in menschlicher Macht steht, aber dieser Mensch konnte nicht gerettet werden. Er wurde auf ungewöhnlich brutale Weise zu Tode geprügelt. Ich würde sagen – ein klarer Mord.“

Und genau in jene Klinik wurde rund 19 Jahre später Jan Palach eingeliefert – eher durch Zufall, weil ein Krankenwagen gerade in der Nähe vorbeikam und die Klinik die nächstgelegene war.

Die Klink, in der beide ihr Ende fanden, wurde übrigens 1984 geschlossen und das Gebäude wurde der Akademie der Wissenschaften übertragen, die aber 2007 wieder auszog. Pläne, das Haus der Feuerwehr als Zentrum für Prävention anzudienen, scheiterten an den hohen Renovierungskosten. Sehr zum Bedauern vieler Historiker und Denkmalschützer ließ man das ansonsten nicht sehr bedeutsam aussehende Gebäude im einfachen (und im Stadtteil 2 quasi ortsüblichen) Neorenaissance-Stil verfallen. Als Obdachlose dort zu übernachten begannen, vernagelte man Türen und Fenster. Und so steht es dort nun – hässlich verkommen und baufällig.

Otakar Dušeks Kunstaktion, die Portraits der beiden Märtyrer an die Fassade zu malen, war somit ein Protest gegen die Art, wie die Stadt mit einem solch wichtigen Gedenkort umgeht. Obwohl man im Augenblick, also fünf Jahre später, immer noch keine Ansätze einer Renovierung des Hauses beobachten kann, scheint die Stadt immerhin ein wenig schuldbewusst zu sein. Jedenfalls wurde die illegale Sprayarbeit des Künstlers nicht geahndet. Und mittlerweile betrachtet man sie schon als so etwas wie eine Art inoffizieller Gedenkstätte. (DD)

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