Jecke Tschechen

Heute ist Ruusemondach! In Sachen Karneval ist Köln zweifellos die Weltmetropole. Keiner kann den Kölschen da das Wasser reichen. Das heißt aber nicht, dass man anderswo während der tollen Tage nicht gut drauf ist. Tschechien im allgemeinen und Prag im speziellen kennen auch den Karneval. Hier wird er Masopust genannt.

Das Wort setzt sich aus den Bestandteilen Maso (=Fleisch) und Pust (=Fasten) zusammen, was sich ja eigentlich vom Sinn her kaum von dem lateinischen Ursprungswort für Karneval, nämlich carne vale (Fleisch, lebe wohl!), unterscheidet. Wie andernorts, markiert der Karneval die letzte Freude vor der bis Ostern andauernden Fastenzeit. Die Ursprünge sind möglicherweise älter (vielleicht sogar keltisch) und mit dem nahenden Winterende verbunden (wir berichteten bereits hier). Als nicht ganz gesicherter Urheber des christlichen vorfastenzeitlichen Masopust wird oft König Vladislav II. im 11. Jahrhundert gesehen, der Feste und Festmahle im großen Stil zu spenden pflegte, wenn die Zeit von Buße und Zurückhaltung dräuend nahte.

Nein, auch in der Hochphase vor Rosenmontag prägt Masopust das Stadtbild nicht. Während in Köln schon wochenlang im öffentlichen Raum mehr Menschen mit Kostüm als ohne Kostüm sichtbar sind, bemerkt man die Festivitäten in Prag nur punktuell. Das hat auch etwas mit dem Erbe des Kommunismus zu tun, denn massenhaftes und unkontrolliertes Amüsement hätte ja schnell in derbe Frechheiten gegen das Regime ausarten können – vor allem in den großen Städten. Das wollte das Regime nicht. Strassenumzüge wurden nicht erlaubt. Zum Karneval wurde nicht gerade ermuntert, um es vorsichtig auszudrücken.

Vor allem auf dem Lande wurde die Tradition trotzdem irgendwie bewahrt. Dort war der öffentliche Raum kontrollierbarer als in den Großstädten, weshalb hier der Staat relativ liberal das närrische Treiben gewähren ließ. Südmähren sei als ländliche Hochburg erwähnt. Außerhalb von Prag ist zum Beispiel der kleine, etwas 100 km östlich von Prag gelegene ostböhmische Ort Hlinecko stets eine Bastion des Masopust geblieben. Der Ort ist durch seine traditionelle Maskenkultur berühmt geworden. Und 2010 erklärte die UNESCO sogar den dortigen Masopust zum immateriellen Weltkulturerbe. Das sage noch einer, in Tschechien könne man keinen Karneval feiern!

Aber auch für Prag gilt: Seit den 1990er Jahren ist der Masopust aber wieder im Kommen, ja musste zum Teil geradezu neu erfunden werden. In Prag wird er seit der Samtenen Revolution traditionell in Žižkov (Prag 3), dem etwas alternativ und rebellisch angehauchten alten Arbeiterviertel, am heftigsten mit Umzügen gefeiert. Die sind mittlerweile gar nicht einmal so klein. Aber in letzter Zeit holt Holešovice (Prag 7) kräftig auf. Kenner mögen auch das Masopust-Fest im etwas nördlich von Prag gelegenen Ort Roztoky. Wir haben ihn uns dieses Jahr in Karlín (Prag 8), einem aufstrebend gentrifizierten und hippen Stadtteil Prags, angeschaut (alle Bilder hier sind vom dortigen großen Masopustfest am 15. Februar).

Im Kern ist der Grundgedanke des Masopust dem des rheinischen Karnevals ähnlich, wenngleich nicht so überbordend. Kostümierung (bisweilen recht originell, wie die Gespenstergruppe links beweist), Umzüge, jecke Lück (heißen hier nicht so), viel Alkohol, eingängige Musik zum Mitsingen und fettes Essen gehören einfach dazu. Zu letzterem gehört ein süßes Fettgebäck namens Boží milosti (Gottes Gnade), das auffallend den rheinischen Mutzen ähnelt, ohne die man sich rheinischen Karneval kulinarisch kaum denken kann. Und in den lokalen Hochburgen sind auch die Kneipen voller als sonst.

Ein paar Unterschiede gibt es. In Städten wie Prag wird das Ganze bisweilen mehr wie ein Jahrmarkt mit Ständen und Attraktionen aufgezogen; auf dem Lande steht traditionelle Folklore mehr im Mittelpunkt. Aber Hauptsache man ist irgendwie jeck. So bewegt sich der eigentliche Zug in Karlín (der im Vergleich zu den Kölner Zügen natürlich recht winzig ist) nur über eine Strecke von rund 800m vom Kaizl Platz zum Karlín Platz, wo dann eine Bühne für Sänger, Spielmöglichkeiten für Kinder (die im Mittelpunkt stehen) und viel Bier- und Fressstände warten.

Dort finden sich dann aber tatsächlich riesige Massen von Feierfreudigen ein! Und sie amüsieren sich köstlich zum guten Bier, das variantenreich von verschiedenen Brauereien angeboten wird. Man sieht: Tschechen und Deutsche (zumindest nicht-preußische Deutsche) haben doch mehr gemeinsam als man denkt. Vielleicht sollte man im Rheinland mal über Karnevals-Städtepartnerschaften nachdenken. Das wäre sicher ein Heidenspaß. Prag, Alaaf! (DD)

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