Nicht von Dvořák, aber trotzdem schön: Die Neue Welt

Wirklich entzückend ist es, das kleine bezaubernde Sträßchen im Burgbezirk mit dem Namen Neue Welt (Nový Svět). Erblickt man die Gasse, erklingt wie von selbst im Kopfe Antonín Dvořáks Meistersymphonie Aus der Neuen Welt (Z nového světa). Nur: Diese Gasse hat nichts, aber auch wirklich nichts mit Dvořák 1893 in New York uraufgeführtem Werk zu tun.

Denn mit der Besiedlung dieses Areals hatte man schon um 1360 begonnen. Von einer Neuen Welt sprach man deshalb, nicht weil man an das noch unentdeckte Amerika dachte, sondern weil es sich damals noch um eine neue Ansiedlung außerhalb des damaligen Burgbezirks handelte. Hier wohnten zunächst niedere Bedienstete der nahegelegenen Burg.

Immer wieder musste die mittelalterliche Bausubstanz größere Schäden hinnehmen. Nach 1420 kam es zu Zerstörungen im Verlaufe der Hussitenkriege und auch das große Feuer von 1541 (siehe auch Beitrag hier) richtete große Schäden an. Deshalb sind viele der malerischen Häuser, die heute das Herz jeden Besuchers entzücken, nicht die originalen Gebäude am Orte. Viele von ihnen sind selbst für den Laien erkennbar Häuser aus der Barockzeit des späten 17. und frühen 18. Jahrhunderts. Damals war das ursprüngliche Armenviertel eine zeitlang auch bei vermögenderen und bessergestellten Persönlichkeiten en vogue. Dass der Hofastronom Tycho Brahe hier zu Beginn des 17. Jahrhunderts lebte, wurde in diesem Blog bereits hier erwähnt.

Ob original mittelalterlich oder barock – das ist letztlich egal. Es ändert nichts am Gesamteindruck, der einfach entzückend ist. Die Tatsache, dass der Ortsteil bald wieder verkam und zum Armenviertel wurde, hat später jegliche Modernisierung verhindert. Was für die Bewohner damals schlecht gewesen sein mag, erfreut uns heute. Kein Stahl und Beton trübt die Stimmung. An Tagen außerhalb der Urlaubssaison, an denen weniger Menschen hier sind, fühlt man sich wie bei einer Zeitreise. Geht man bei Abenddämmerung durch die Gasse, blendet einen kein Neonlicht, sondern es sind altmodische Laternen, die Schummrigkeit verbreiten und das ganze schon irreal romantisch erscheinen lassen.

Unter den Häusern, die den rund 250 Meter langen Weg säumen, bieten einige Unterhaltung und/oder Erfrischung. Es gibt ein berühmtes Café, die Kavárna Nový Svět, das auch unter Einheimischen beliebt ist. Es gibt ein Theater, das Divadlo Ungelt, das – wiederum erstaunlich für ein touristsich so erschlossenes Areal – hauptsächlich ein tschechisches Publikum (in Tschechisch) adressiert. Dazu gehört ein Restaurant mit Biergarten (Restaurant Nový svět), das erst wie ein normales Touristenlokal aussieht, aber erstaunlich originelle Gerichte bietet. Der abgebildete Nachtisch ist Vanilleeis mit Roter Beete und Pesto. Das las sich auf der Speisekarte so verrückt, das wir es sofort probieren mussten. Es entpuppte sich als wahrer Avantgardegenuss, der wirklich gut die Gaumen kitzelte.

Eine Besonderheit ist ganz am Ende der Straße das Hotel U Raka. Es handelt sich bei dem kleinen Hotel um das einzige noch erhaltene Holzblockhaus in Prag. Es wurde 1739 das erste Mal urkundlich erwähnt – damals noch kein Hotel, sondern ein Wohnhaus und zwischendurch eine Schmiede. Man muss sich vor Augen halten, dass Nový Svět fast durch seine ganze Geschichte hindurch ein Platz für Arme war und erst im 20. Jahrhundert wieder“hip“ für Künstler und Touristen wurde.

Deshalb war das schöne Holzhaus auch von Verfall bedroht und in den 1980er Jahren arg heruntergekommen. Die Renovierung in den frühen 1990er Jahren und neuerliche Nutzung als kleines Hotel hat das Haus gerettet. „U Raka“ heißt übrigens auf Deutsch soviel wie „Zum Krebs“. Und tatsächlich ist das alte und namengebende Hausschild mit dem Abbild eines Krebses immer noch erhalten.

Auf jeden Fall hat die kleine Nový Svět trotz des Andrangs der Touristen, die sich diese selbst für die anspruchsvollen Prager Verhältnisse außerordentlich malerische Gasse nicht entgehen lassen wollen, noch viel von seiner Authenzität bewahrt. (DD)

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