Babies am Fernsehturm

Auweia! Ist das nicht gefährlich? Konnten die Eltern nicht aufpassen? Da krabbelt doch ein kleines Baby senkrecht einen 216 Meter hohen Turm hinauf! Keine Sorge: Das Baby ist nicht echt, sondern Kunst und eines von 10 Babies, die sich bemühen, den Fernsehturm Žižkov (Žižkovská televizní věž) irgendwie zu verschönern.

Der Turm, den die Kommunisten noch 1985 errichten ließen, war unter Pragern lange umstritten. Zum einen, weil dafür ein Teil eines jüdischen Friedhofs zerstört worden war (früherer Beitrag hier), zum anderen, weil es sich um ein monumentales Werk des realsozialistischen Brutalismus handelt. Und über den und seinen Drang zu Kolossalem in Beton und Stahl gehen die Meinungen stets auseinander. Unter Denkmalschutz stellen oder abreißen? Die Kulturbehörden unterliegen da dem Wechselbad der Gefühle. Die öffentliche Debatte offenbart tiefe Meinungsgräben. Und deshalb findet man gleichermaßen Beispiele für Abriss oder Denkmalschutz bei brutalistischen Gebäuden.

Im Falle des Fernsehturms hat man nie ernsthaft diskutiert, ob er abgrissen werden solle. Irgendwie ist das meilenweit sichtbare Gebäude der beiden Architekten Václav Aulický und Jiří Kozák doch zu faszinierend und auch aus dem Stadtbild Prags auch nicht mehr wegzudenken. Man betrachtet die Sache, die man eh nicht mehr ändern kann, mit Humor, etwa als man es 2009 zum zweithässlichsten Gebäude der Welt kürte. Aber an die echte oder vermeintliche Hässlichkeit denkt niemand, der erst einmal oben ist, wo er den Turm selbst nicht sieht, dafür aber die perfekteste Aussicht über Prag überhaupt genießen kann!

Ein paar Fakten zum Turm: 2200 Tonnen Material stecken in dem Turm drin. Drei Röhren führen 97 Meter in die Höhe zu den öffentlich zugänglichen Aussichtsplattformen – in einer ist eine Treppe für die Sportlichen, in der anderen ein Personenlift für die nicht so Sportlichen und in der dritten Röhre befindet sich ein Lastenaufzug. Die in gleichen Winkeln zueinander konstruierten großen Kabinen der Aussichtsebene sind miteinander verbunden. Es gibt dort einen Filmraum (wo eine Dokumentation über den Turm läuft), ein Restaurant, ein fast immer lange im voraus ausgebuchtes Ein-Zimmer-Hotel, eine meteorologische Station und den Fernsehtransmitter.

Doch nun zu den Babies, die im Tschechischen Miminka genannt werden: Sie sind das Werk von David Černý, jenem anarchischen enfant terrible der Prager Kunstszene, über dessen Werke wir schon unter anderem hier, hier, hier und hier berichteten. Mit den 2.60 Meter hohen und 3.50 Meter langen Babies, die statt Gesichtern einen eingedrückten Barcode haben, hatte der Künstler schon seit 1994 experimentiert als er sie im Museum of Contemporary Art in Chicago ausstellte. Aber erst im Jahre 2000 kam man auf die Idee, 10 der Babies auf dem Fernsehturm herumkrabbeln zu lassen, wo sie sich wirklich ein wenig gruselig ausnehmen. Letztlich machten sie den Turm aber noch beliebter unter Einheimischen und Touristen.

Wer sich die Babies mal genau aus der Nähe anschauen möchte, muss übrigens nicht eine waghalsige Kletterpartie unternehmen. Drei originalgroße bronzene Kopien befinden sich im öffentlichen Raum neben dem Kampa Museum auf der anderen Seite der Moldau (früherer Bericht hier). Die erlauben den gefahrlosen Blick aus der nächsten Nähe. So gefahrlos, dass man oft sogar echte Kleinkinder beobachten kann, die darauf herumklettern und von ihren Eltern geknipst werden..

Eigentlich sollten die Babies am Turm nur vorübergehend herumkrabbeln. Man fand sie aber schnell so putzigschaurig, dass man beschloss, sie dort zu belassen. Allerdings erwies sich das Fiberglass, aus dem die 190 Kilogramm schweren Säuglinge hergestellt worden waren, als nicht sonderlich erosionsbeständig angesichts der rauen Wetter und Winde, die meist um solch hohe Gebäude herum vorherrschen. Deshalb wurden sie 2017 bis zum Sommer 2019 abgenommen und durch neue Babies ersetzt. Die sehen genauso aus, sind aber aus stabilerem Material, weshalb sie mit 250 Kilogramm auch ein wenig schwerer sind als die alten. Somit gegen Wind und Wetter gefeit, werden die Kleinen nun wohl für längere Zeit den Fernsehturm zieren. (DD)

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