Ehemaliges Kleinbordell

Seine Geschichte schwankt zwischen Klosterbesitz und Sündenpfuhl. Und vor allem sieht es wirklich eng aus. In der Anežská 1043/4 inmitten der Neustadt kann man das kleinste bzw. schmalste Haus Prags bestaunen. Es ist nur zwei Meter und 50 Zentimeter breit. Und die Höhe von recht schlappen vier Metern unterstreicht den Eindruck von Winzigkeit nur. Das schrille Grün des Anstrich sorgt erst dafür, dass es dem Vorbeigehenden überhaupt auffällt.

Das Kleinste Prager Haus (Nejmenší pražský dům) wurde im Jahre 1853 von dem Architekten Josef Liebl erbaut. Weshalb die Enge? Nun, wir befinden uns hier im Umfeld des Agnesklosters (Anežský klášter), wo die Straßenverläufe (und –breiten) noch ganz dem Stadtplan des Mittelalters entsprechen. Alles ist verwinkelt und eng. Für das Haus fand man damals wohl nur noch einen Platz auf einer früheren kleinen Passage, die zwischen zwei anderen Häusern die Anežská mit der Řásnovka-Gasse verband. Das limitierte den zur Verfügung stehenden Raum arg. Es gab im Grunde nur zwei kleine Räume hintereinander, ab 1862 sogar drei.

Das gesamte Areal um das Gebäude gehörte ursprünglich zum Kloster, das aber 1782 im Zuge der Kirchenreformen Kaiser Josephs II. säkularisiert worden war und heute die Sammlung für mittelalterliche Kunst der Nationalgalerie beherbergt.

Diesem ursprünglich frommen Umfeld entsprach das Kleinste Haus in seinen besten Zeiten allerdings nicht. Ganz im Gegenteil: Bis 1922 diente es nämlich durchgängig als Bordell – möglicherweise, so muss man annehmen, sogar das kleinste seiner Art in Prag.

Wer heute das Haus mit sündigen Gedanken aufsucht, wird allerdings enttäuscht. Im Grunde ist das Ganze heute ein Fassadenschwindel. Der größte Teil des Hauses (mit Ausnahme eines Lagergewölbes im hinteren Abschnitt) ist nämlich abgerissen worden, sodass man eigentlich fast alles gesehen hat, wenn man die Vorderfront gesehen hat.  Man erkennt aber noch die Mühen, die der Architekt aufgewendet hat, um das kleine Haus ein wenig imposanter erscheinen zu lassen. Grobe Rustifizierungen umgeben ein vergleichsweise groß dimensioniertes Eingangstor. Klein, aber trutzig, sieht das aus. Wenn kleine Dinge beeindrucken, beeindrucken sie bekanntlich um so mehr. (DD)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s