Das Haus der Märtyrerin

Hier hatte sie zuletzt also gewohnt. Als Frauenrechtlerin und Mitglied des Parlaments war Milada Horáková eine der Stützen der Demokratie der Ersten Republik. Die Nazis sperrten sie nach der Besetzung ins Konzentrationslager. Sie überlebte und bekämpfte nun die Kommunisten, die im Februar 1948 die Macht an sich gerissen hatten. Sie zahlte für ihren Einsatz für die Freiheit und die Demokratie einen hohen Preis. Mit fabrizierten Indizien verurteilten sie sie nach einem stalinistischen Schauprozess zu Tode. Am 27. Juni 1950 wurde sie hingerichtet.

Milada Horáková wohnte im Stadtteil Smíchov. Die kommunistischen Behörden hatten nach ihrer Hinrichtung eine panische Angst, dass ihr Wohnhaus in der Zapova 376/3, Prag 5, nun für Dissidenten eine Art Wallfahrtstätte werden könnte. In allen Verlautbarungen nannten sie fortan die in der Nähe gelegene Straße Mošnova mit fiktiver Nummer als Adresse. Dieser plumpe Schwindel ist natürlich längst entlarvt. Seit dem März 1992 ist neben dem Eingang zum Garten an der Straße eine große Gedenktafel angebracht.

1935 zog sie mit ihrem Mann Bohuslav Horák, den sie 1927 geheiratet hatte, und ihrer zweijährigen Tochter Jana in die Villa ein. Das Haus war um die Jahrhundertwende von dem Anwalt Josef Winternitz erbaut worden. Die Horáks bewohnten zunächst nur die unteren Stockwerke.

Umgeben wird das Haus von einem großen Garten, der auch einen Ausgang zu einer Nebenstraße hat. Die kommunistische Staatssicherheit, die 27. September 1949 gerade Milada Horáková verhaftet hatte, wollte danach unmittelbar ihren Mann ergreifen (wie bei den Nazis gab es bei den Kommunisten eine Art Sippenhaft) und traten durch die vordere Gartentür (Bild rechts) ein. Sie hatten aber nicht mit der Unübersichtlichkeit des dicht mit Bäumen bewachsenen Grundstücks und der zweiten Tür gerechnet. Er konnte knapp noch entkommen und sich auf verschlungenen Wegen in den Westen retten.

Das Haus, in dem heute ein Parlamentsabgeordneter lebt, hat bis heute den Charme eines etwas verzauberten Hauses, das unscheinbar am Hang liegt und von üppigem Grün umwuchert ist. Steht man direkt davor, sieht man es inmitten der Bäume und Sträucher kaum; man muss schon die Straße etwas weiter hoch gehen, um es wirklich zu erkennen (siehe großes Bild oben). Diese Unübersichtlichkeit rettete dereinst das Leben des Ehemanns. Das der großen Märtyrerin der Freiheit jedoch nicht. Es ist gut, dass dieser Erinnerungsort das Andenken wach hält. (DD)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s